Azurblauer Löwe
Der Azurblaue Löwe ist der Anführer der drei Dämonen vom Löwenkamel-Berg. Er ist der blau-mähnige Löwe, der einst das Reittier von Manjusri Bodhisattva war und nun als Monster in die Welt hinabgestiegen ist. Mit vierundvierzig oder achtundvierzigtausend kleinen Dämonen kommandiert er die größte Dämonenarmee des Romans. Er verschlingt Sun Wukong mit einem Biss, unterstützt zusammen mit Weißelefant und dem Goldflügel-Roc die Eroberung des Löwenkamel-Reichs und trägt zum dunkelsten nationalen Massaker der Pilgerreise bei. Zweimal ist ein buddhistisches Reittier herabgestiegen und hat Unheil angerichtet, und zweimal lässt der Roman offen, wie ein solcher Löwe überhaupt immer wieder entwischen kann.
In Kapitel 74 ist die Pilgergruppe nicht einmal bis an den Fuß des Löwenkamel-Bergs gelangt, da kommt Goldstern bereits persönlich herab, um sie zu warnen. Allein das sagt schon alles über die Größe der Gefahr. Goldstern ist der Diplomat des Himmels; er mischt sich normalerweise nicht in gewöhnliche Straßendämonen ein. Hier spricht er aber sehr deutlich: Vor ihnen liegen drei Monster, und das erste ist der blau-mähnige Löwe. Er kommandiert vierundvierzig oder achtundvierzigtausend kleine Dämonen. Wenn sogar Goldstern eine Warnung für nötig hält, dann ist klar, dass die Pilgerreise in ein viel dunkleres Land geraten ist.
Manjusris Löwe: der zweite Abstieg
Die wahre Identität des Azurblauen Löwen ist das Reittier von Manjusri, der blau-mähnige Löwe. Das ist nicht sein erster Abstieg.
Schon im Wuji-Reich war ein mit Manjusri verbundener Löwe herabgestiegen, als Daoist verkleidet und dabei beschäftigt, einen König in einen Brunnen zu stoßen. Damals konnte man den Absturz noch als Strafe deuten: Der König hatte den Bodhisattva beleidigt, und der Löwe handelte auf Befehl.
Die Episode am Löwenkamel-Berg ist anders. Hier liefert der Text keine saubere Erklärung. Niemand sagt, der König des Löwenkamel-Reichs habe diese Strafe verdient. Niemand sagt, Manjusri habe es befohlen. Der Löwe erscheint einfach erneut und richtet Verwüstung an. Dieses Schweigen ist beunruhigend. Wenn ein Bodhisattva sein eigenes Reittier nicht im Zaum halten kann, was soll dann überhaupt mit "grenzenloser Macht" gemeint sein? Wu Cheng'en beantwortet das nie, aber er lässt die Frage offen im Raum stehen.
Die größte Dämonenarmee des Romans
Wenn die meisten Dämonen nur Bergchefs sind, dann ist Azurblauer Löwe ein Feldkommandeur.
Wukong dringt in die Löwenkamel-Höhle ein und sieht dort eine echte Militärmaschine: Banner, Patrouillen, Wachen und Ordnung. Der Roman nennt die Zahl ganz offen, und sie ist die größte Dämonenmacht im ganzen Buch. Ein paar hundert Untergebene machen einen starken örtlichen Boss; achtundvierzigtausend machen ein Regime. Das ist keine Höhlengang. Das ist bewaffnete Macht.
Die Größe erklärt, warum Goldstern nur warnt und nicht kämpft. Der Löwenkamel-Berg ist eine militärische Festung, nicht bloß die Höhle eines starken Monsters. Wukong läuft hier nicht in ein einzelnes Duell, sondern in ein Kriegsgebiet.
Sun Wukong verschlingen
Azurblauer Löwes unvergesslichster Trick ist einfach: Er öffnet das Maul und verschlingt Wukong mit einem Biss. Das Maul wird als so groß wie ein Stadttor beschrieben. Wukong ist schon zuvor gefangen gewesen, aber nie so. Keine Flasche, kein Ring, kein Käfig - nur der Kiefer und der Magen eines Löwen.
Wukong wehrt sich von innen und schlägt mit dem Stab um sich; der Löwe erträgt den Schmerz, ohne ihn wieder auszuspucken. Später verwandelt sich Wukong in ein Seil, entkommt durch die Nase und versucht, den Löwen von außen zu ziehen. Der Löwe erkennt die Gefahr und verschlingt wieder, Seil und alles. Die Abfolge ist grotesk und fast komisch in ihrer Wiederholung: verschlingen, kämpfen, wieder verschlingen. Der Löwe ist eine lebende Falle.
Wichtig ist nicht nur der körperliche Trick, sondern die Machtbehauptung dahinter. Goldstern sagt, Azurblauer Löwe habe einst hunderttausend himmlische Soldaten verschlungen. Das ist sicher übertrieben, aber der Punkt bleibt: Dieser Löwe kämpft wie eine Katastrophe, nicht wie ein Raufbold.
Die drei Brüder und ihre verborgene Hierarchie
Azurblauer Löwe ist der älteste der drei Brüder vom Löwenkamel-Berg, gefolgt vom Weißelefanten und vom Goldflügel-Roc. Auf dem Papier wirkt die Rangfolge klar. In Wirklichkeit ist die Hierarchie viel verschlungener.
Weißelefant und Azurblauer Löwe sind beide Reittiere von Bodhisattvas. Der Goldflügel-Roc ist etwas ganz anderes: ein Nachkomme des Phönix und ein Blutsverwandter von Buddha Rulai. Nach Blut und Geschwindigkeit ist der Roc der stärkste der drei. Doch in der täglichen Kontrolle des Berges scheint Azurblauer Löwe im Zentrum zu stehen, Weißelefant unterstützt ihn, und der Roc wirkt wie ein später, aber gefährlicher Partner. Ihre Beziehung ist eher ein Pakt als ein formeller Rang.
Das ist wichtig, weil der Löwenkamel-Berg keine einfache Monsterhöhle ist. Er ist eine Koalition von Mächten, die eigentlich an einem ganz anderen Ort hingehören sollten.
Das Ende des Löwenkamel-Reichs
Die dunkelste Szene des ganzen Handlungsbogens kommt in Kapitel 77. Die Pilger werden in die Löwenkamel-Stadt gebracht, eine Stadt, die einst ein echtes Reich war. Nach der Einnahme durch die drei Dämonen wird die ganze Stadt zu einem Grab aus Knochen. Der Satz des Romans ist kühl und unheimlich zugleich: Schädelberge, Skeletwälder. Die Menschen sind verschwunden.
Das ist das einzige voll ausgeführte nationalen Massaker im gesamten Roman. Andere Dämonen fressen Reisende, entführen Mönche oder halten ein Dorf auf. Der Löwenkamel-Berg tut etwas anderes: Er löscht ein Land aus. Die drei Dämonen werden zu einem Anti-Reich, einer Ordnung, die darauf basiert, die Menschen zu fressen, die sie ersetzt haben.
Azurblauer Löwe ist für diese Vernichtung entscheidend, weil er die militärische Basis liefert. Der Goldflügel-Roc mag den finalen Untergang vorantreiben, aber ohne die große Armee des Löwen und die Disziplin des Berges hätte das Massaker nicht so still geschehen können. Er ist die Logistik des Verderbens.
Manjusri holt den Löwen zurück
Am Ende sendet Buddha Manjusri und Samantabhadra aus, um ihre Reittiere zurückzufordern, während Buddha selbst den Goldflügel-Roc mitnimmt. Es sieht ordentlich aus, aber die alte Frage bleibt: Wenn Manjusri wusste, was geschah, warum ließ er es zweimal geschehen? Und wenn er es nicht wusste, wie kann ein Bodhisattva sein eigenes Reittier so aus den Augen verlieren?
Wu Cheng'en sagt es nicht. Er lässt den Löwen einfach wieder nach Hause tragen, als könne die Rückholung alles zuvor Geschehene auslöschen. Kann sie nicht. Das Löwenkamel-Reich bleibt tot.
Verwandte Figuren
- Manjusri - der ursprüngliche Herr, dessen Reittier der Azurblaue Löwe ist
- Weißelefantengeist - der zweite Bruder, Reittier von Samantabhadra
- Goldflügel-Roc - der dritte Bruder, Buddhas Blutsverwandter und der stärkste der drei
- Sun Wukong - der Hauptgegner des Löwen, der im Ganzen verschluckt wird und den Bogen allein nicht brechen kann
- Buddha Rulai - die letzte Autorität, die das Desaster am Löwenkamel-Berg beendet
- Samantabhadra - der Bodhisattva, der den Weißelefanten gleichzeitig zurückholt
- Goldstern - der seltene himmlische Gesandte, der früh genug herabkommt, um Wukong zu warnen
- Tripitaka - der Pilger, der von den drei Dämonen gefangen und in der Löwenkamel-Stadt fast gedämpft wird
Story Appearances
First appears in: Chapter 74 - Goldstern meldet den grausamen Dämon; der Pilger zeigt seine Wandlungskünste
Also appears in chapters:
74, 75, 76, 77
Tribulations
- 74
- 75
- 76
- 77