Kapitel 70: Der Dämonenschatz speit Rauch, Sand und Feuer, Sun Wukong stiehlt listig die Purpurgold-Glocke
Sun Wukong folgt dem Dämonenherrscher zum Qilin-Berg, übernimmt unter falscher Gestalt die Höhle, stiehlt die Purpurgold-Glocke und gerät schließlich in einen Kampf mit Rauch, Sand und Feuer.
Sun Wukong schüttelte die göttliche Kraft ab, hielt den Eisenstab fest, trat auf den glückverheißenden Glanz und erhob sich hoch in die Luft. Er rief dem Ungeheuer entgegen: „Woher kommst du, du böser Dämon? Wohin willst du dich mit deinem Unfug aufspielen?“
Das Ungeheuer schrie laut zurück: „Wir sind nicht irgendwer. Wir sind die Vorhut des Königs Sai Tai Sui vom Qilin-Berg und aus der Xiezhi-Höhle. Wir sind hierhergekommen, um zwei Hofmädchen zu holen, damit sie die Goldene Heilige Gemahlin bedienen. Wer bist du, dass du uns ausfragst?“
Wukong sagte: „Ich bin der Große Heilige Sun Wukong, der den Himmel erreicht und gleichstellt. Ich begleite einen Mönch aus dem Osten auf dem Weg nach Westen, um Buddha zu verehren. Da ich durch dieses Land komme und weiß, dass ihr euren Herrn schikaniert, bin ich eigens hergekommen, um mit voller Kraft das Reich zu säubern. Ich habe schon längst nach Euch gesucht - nun liefert Ihr Euch selbst zum Tod ab.“
Das Ungeheuer hörte das und verstand nicht, was es tat. Es stieß mit der langen Lanze direkt zu; Wukong hob den Eisenstab und empfing den Angriff frontal. Hoch oben in der Luft entbrannte ein wahrhaft glänzender Kampf:
Der Stab stammt aus dem Meeresschatzpalast, die Lanze ist aus menschlichem Schmiedeeisen. Wie könnte gewöhnliche Waffe je mit göttlicher Waffe verglichen werden? Schon ein Hauch von Geist würde sie zerbrechen. Der Große Heilige ist von Natur aus ein Unsterblicher des Taiji, das Ungeheuer ist nur ein böser Dämonenkeim. Wie könnte ein Geisterwesen einem Rechtschaffenen nahekommen? Sobald das Rechte sich zeigt, vergeht das Falsche. Der eine wirbelt Wind und Staub auf und schreckt König und Herrscher; der andere schreitet auf Nebel und Wolken und verdunkelt Sonne und Mond. Legt den Posten beiseite und kämpft auf Sieg und Niederlage - wer könnte sich ohne Kunst als Held rühmen? Nur der Große Heilige vermag es: Mit einem Knall brach er der Lanze zuerst den Stab.
Das Ungeheuer bekam von Wukong mit einem einzigen Eisenstabschlag den Schaft der Lanze entzwei und erschrak so sehr um sein Leben, dass es den Wind umdrehte und geradewegs nach Westen floh.
Wukong verfolgte es zunächst nicht. Er senkte die Wolke und kam bis vor den Erdhaushof außerhalb des Dämonenlochs. „Meister“, rief er, „kommt mit dem König heraus. Das Ungeheuer ist schon davongejagt.“
Tripitaka stützte sich erst auf den Herrscher und kam mit ihm aus der Höhle hervor. Da sah man den Himmel klar und ruhig, und von Dämonen war keine Spur mehr zu bemerken.
Der König trat an den Tisch und nahm selbst den Krug und die Becher in die Hand. Er schenkte dem Großen Heiligen voller Dank den Becher ein und sagte: „Heiliger Mönch, nehmt diesen Trunk als vorläufigen Dank.“
Wukong nahm den Becher und wollte antworten, da kam schon ein Beamter vom Hoftor und meldete: „An der Westpforte ist Feuer ausgebrochen.“
Wukong hörte das, schleuderte den Becher samt Wein in die Luft, und mit einem hellen Klang fiel der Goldbecher zu Boden.
Der König erschrak, verbeugte sich tief und sagte: „Heiliger Mönch, verzeiht, verzeiht! Das war meine Schuld. Eigentlich hätte ich Euch auf dem Palastthron feierlich danken sollen. Doch hier stand der Wein schon bereit, deshalb reichte ich ihn Euch so. Habt Ihr den Becher weggeschleudert, so ist das etwa ein Zeichen des Missmuts?“
Wukong lachte. „So ist es nicht, so ist es nicht.“
Kurz darauf kam ein weiterer Beamter und meldete: „Welch ein Segen! Eben war am Westtor Feuer ausgebrochen, da löschte ein starker Regen es vollständig. Die ganze Straße steht unter Wasser, und alles riecht nur noch nach Wein.“
Wukong lächelte wieder. „Eure Majestät, als Ihr den Becher sahet, dachtet Ihr, ich hätte mich geärgert. Das war nicht so. Das Dämonenungeheuer floh nach Westen und setzte Feuer an, weil ich es nicht verfolgte. Dieser eine Becher Wein war also mein Mittel, um Dämonenfeuer zu löschen und die Häuser innerhalb und außerhalb der Weststadt zu retten. Wie könnte ich da etwas anderes gemeint haben?“
Der König freute sich noch mehr und erwies ihm doppelt die Ehre. Er bat Tripitaka und die vier Schüler auf den Schatzpalast hinauf und zeigte sogar die Absicht, ihm den Thron zu überlassen.
Wukong lachte. „Eure Majestät, eben sagte mir das Ungeheuer noch, es sei der Vortrupp von Sai Tai Sui und wolle hier Hofmädchen holen. Nun ist es besiegt zurückgekehrt, und ganz gewiss wird es dem Kerl Bericht erstatten. Wenn der Unhold nun mit einem Heer zurückkommt, könnte das die Untertanen beunruhigen und Euer Reich erschrecken. Ich möchte ihm deshalb entgegengehen und ihn in der Luft fassen, damit er keine neue Unruhe stiftet. Aber in welche Richtung muss ich gehen? Wie weit ist es von hier bis zu seiner Höhle?“
Der König sagte: „Ich habe schon Nachtpatrouillen und berittene Kundschafter dorthin geschickt. Hin und zurück braucht man mehr als fünfzig Tage. Die Höhle liegt im Süden, etwa dreitausend Li entfernt.“
Wukong hörte das und rief: „Bajie, Sha Wujing, bleibt hier und beschützt alles. Ich gehe gleich und komme wieder.“
Der König hielt ihn fest. „Heiliger Mönch, bleibt doch noch einen Tag. Wir lassen etwas Trockenproviant rösteln und bereiten Euch etwas Reisegeld und ein schnelles Pferd - dann könnt Ihr erst aufbrechen.“
Wukong lachte. „Eure Majestät redet wie jemand, der zu Fuß über Bergkämme geht. Der alte Sun verschweigt Euch nichts: Bei einer Strecke von dreitausend Li wird mein Becher Wein gar nicht erst kalt, ehe ich schon wieder zurück bin.“
Der König sagte: „Heiliger Mönch, nehmt es mir nicht übel, wenn ich das sage: Euer Aussehen gleicht doch einem Affen. Wie habt Ihr nur solche Kraft und solche Gehfähigkeit?“
Wukong antwortete:
Mein Leib mag wie der eines Affen aussehen, doch seit meiner Jugend habe ich den Weg von Leben und Tod aufgebrochen. Ich suchte weise Meister in allen Richtungen und erlernte das Dao in den Bergen, ohne Tag oder Nacht zu unterscheiden. Den Himmel nahm ich als Dach, die Erde als Ofen, und zwei Arzneien vereinte ich: Sonne und Mond. Yin und Yang, Wasser und Feuer brachten sich zusammen, und zur rechten Zeit öffnete ich das Geheimnis der Pforte. Ich verdanke alles der Kraft des Himmelswagen-Zeichens und den Schritten des Himmelswagens. Beim Austritt aus dem Ofen und beim Eintritt ins Feuer halte ich mich streng an die Zeit, das Blei löst sich, das Quecksilber vereinigt sich. Die fünf Elemente ballten sich zusammen und gebaren die Schöpfung, die vier Bilder verbanden sich und teilten die Zeit. Zwei Qi kehren in die gelbe Bahn zurück, die drei Kräfte vereinigen sich auf dem Weg des Goldenen Elixiers. Wenn ich das Gesetz durchdringe, gehorchen mir Arme und Beine, und mein Sommersault ist von Natur aus göttlich. Ein Sprung bringt mich über den Taihang-Berg, ein weiterer über die Luftbrücke. Was kümmern mich tausend steile Gipfel, was kümmern mich hundert große Flüsse? Meine Wandlungen sind grenzenlos - mit einem Sprung lege ich hundertachtzigtausend Li zurück!
Der König hörte das und war zugleich erschrocken und erfreut. Lächelnd reichte er ihm einen Becher Hofwein. „Heiliger Mönch, Ihr habt so weit gereist - nehmt diesen Becher zum Abschied.“
Der Große Heilige hatte es eilig, den Dämon zu unterwerfen, und hatte keinen Sinn zu trinken. „Stellt ihn nur hin. Wenn ich zurückkomme, trinke ich ihn.“
Mit einem Wort zum Aufbruch pfiff er, und im nächsten Augenblick war er verschwunden. Der König, die Minister und das ganze Reich staunten und müssen hier nicht weiter berichtet werden.
Wukong sprang im Nu davon, und bald sah er einen hohen Berg, der ihm den Weg versperrte. Er senkte die Wolke und stand auf dem Gipfel. Als er genau hinsah, war es ein herrlicher Berg:
Er ragte in den Himmel und sperrte die Erde; dort, wo er in den Himmel ragte, standen scharf geschnittene Gipfel; dort, wo er die Erde sperrte, zogen sich ferne Kämme. Wo die Sonne nicht durchkam, standen dichte Kiefern, wo Wolken aufstiegen, lagen felsige Hänge. Die Kiefern blieben im Jahreslauf immer grün, die Steine änderten sich seit zehntausend Jahren nicht. Im Wald hörte man nachts die Affen rufen, aus den Schluchten kam oft eine lange Python. Die Bergvögel riefen klagend, die Bergtiere brüllten laut. Rehe und Hirsche liefen paarweise durcheinander, Krähen und Elstern flogen in dichten Schwärmen. Berggras und Bergblumen waren nicht zu übersehen, Pfirsiche und Früchte leuchteten frisch in der Saison. Zwar ist das Gelände steil und schwer begehbar, doch ist dies der Rückzugsort von Dämonen und Unsterblichen.
Der Große Heilige schaute sich daran nicht satt und wollte schon den Höhleneingang suchen, da sah er aus einer Mulde des Berges ein Feuer aufbrechen. Im Nu schlug rote Glut himmelhoch, und aus der roten Glut stieg giftiger Rauch auf, noch schlimmer als Feuer selbst. Ein wahrer Rauch! Denn:
Feuerlicht sprüht zehntausend goldene Lampen, Flammen schießen wie tausend rote Regenbögen. Es ist weder Herdrauch noch Grasrauch. Der Rauch trägt fünf Farben: blau, rot, weiß, schwarz und gelb. Er schwärzt die Säulen vor dem Südtor des Himmels und versengt die Balken des Lingxiao-Palastes. Das Wild im Nest wird samt Fell verbrannt, die Vögel im Wald verlieren ihr Gefieder. Wie könnte ein solcher Rauch in den tiefen Bergen Platz für den Herrscher der Monster lassen?
Sun Wukong stand voller Schrecken da, und schon brach noch ein anderer Strom aus dem Berg hervor: Sand. Ein Sand, der Himmel und Erde bedeckte!
Wirbelnd und dicht füllt er die ganze Weite bis zum Horizont, dröhnend und dumpf deckt er die Erde zu. Feiner Staub trübt überall die Augen, grober Aschekies rollt in den Tälern wie Sesam. Kräutersammler verlieren ihre Begleiter, Holzfäller finden ihr Zuhause nicht mehr. Selbst wenn man einen hellen Edelstein in der Hand hält, wird er im Nu von Sand verwischt.
Wukong betrachtete das mit Vergnügen, ohne zu merken, wie ihm Sand und Staub in die Nase flogen. Es juckte ihn fürchterlich, und er nieste zweimal. Dann drehte er sich um, nahm zwei Kiesel vom Fuß des Felsens und stopfte sie sich in die Nase. Mit einer Bewegung seines Körpers verwandelte er sich in einen Feuerfalken, flog mitten in Rauch und Feuer hinein, flatterte ein paarmal - und der Sand war verschwunden, das Feuer verlosch.
Er nahm wieder seine wahre Gestalt an und sah nun eine kupferne Gongmelodie: ding-ding-dong-dong. Er dachte: „Ich bin wohl falsch gegangen; hier wohnt doch kein Dämon. Das Klang ist wie bei einer Postkolonne. Wahrscheinlich führt hier die Hauptstraße entlang, und eine Botschaft wird zugestellt. Ich gehe hin und frage nach.“
Gerade als er weiterging, kam ihm ein kleines Ungeheuer entgegen, das eine gelbe Fahne trug, eine Schriftrolle auf dem Rücken und dabei einen Gong schlug. Es eilte wie der Wind. Wukong lachte. „Also daher das Gongschlagen. Ich weiß nur nicht, welche Botschaft das sein könnte. Ich höre ihm einmal zu.“
Der Große Heilige verwandelte sich in ein kleines Insekt und setzte sich leise oben auf die Schriftrolle. Da hörte er das Ungeheuer auf dem Gong schlagen und vor sich hinmurmeln: „Unser König ist wahrhaft grausam. Vor drei Jahren raubte er in Zhuzi-Königreich die Goldene Heilige Gemahlin mit Gewalt. Seitdem hat er kaum einmal die Möglichkeit gehabt, sich ihr zu nähern; am meisten litten die beiden Hofmädchen, die als Stellvertreterinnen herhalten mussten. Zwei von ihnen wurden zu Tode gehetzt, vier weitere ebenfalls. Voriges Jahr verlangte er wieder zwei, im Jahr davor noch einmal zwei, dieses Jahr erneut und nun wieder. Doch jetzt ist ihm ein Gegner begegnet: Der Vortrupp, der die Hofmädchen holen sollte, wurde von einem gewissen Sun Wukong besiegt, und er gab keine Mädchen heraus. Unser König ist darum in Zorn geraten und will nun gegen das Land ziehen; deshalb schickt er mich mit einer Kriegserklärung. Wenn der König nicht kämpft, geht es vielleicht noch. Wenn er aber kämpft, wird es ihm schlecht bekommen. Mein König lässt Rauch, Feuer und Sand los - da wird von König, Ministern und Untertanen kaum einer am Leben bleiben. Dann besetzen wir ihre Stadt, unser König wird Kaiser und wir werden Minister. Auch wenn man dann vielleicht Rang und Titel bekommt, ist das doch gegen Himmel und Moral unerträglich.“
Wukong hörte das und freute sich insgeheim: „Auch Dämonen haben manchmal ein gutes Herz. Wenn er am Ende sagt, ,gegen Himmel und Moral unerträglich‘, dann ist er doch nicht ganz schlecht. Nur den Satz mit der Goldenen Heiligen Gemahlin, die er seit langem nicht berühren konnte, verstehe ich nicht recht. Das frage ich ihn später.“
Mit einem Summen schwang er sich vom Dämon weg, flog ein paar Li weiter und verwandelte sich dann in einen jungen Daoisten: die Haare zu zwei Knoten gebunden, ein Flickengewand an, in der Hand eine Fischschelle, auf den Lippen ein daoistisches Lied. Er ging den Hang hinauf, trat dem kleinen Ungeheuer entgegen und verbeugte sich. „Herr, wohin geht Ihr? Welche amtliche Schrift tragt Ihr da?“
Das Ungeheuer schien ihn zu kennen, blieb mit dem Gong stehen und erwiderte lächelnd den Gruß: „Mein König schickt mich nach Zhuzi-Königreich, um die Kriegserklärung zu überbringen.“
Wukong fragte sofort: „Und jene Angelegenheit mit Zhuzi-Königreich - hat sie sich mit Eurem König inzwischen geklärt?“
Das Ungeheuer sagte: „Seit wir sie vor zwei Jahren verschleppt haben, sandte uns damals ein Unsterblicher ein fünfgefärbtes Gewand für die Goldene Heilige Gemahlin. Kaum hatte sie es angelegt, stachen überall Nadeln in ihren Leib, und mein König wagt sie nicht einmal zu berühren. Sobald er sie nur ein wenig streift, schmerzt seine Handfläche. Bis heute konnte er sie nicht einmal anfassen. Heute Morgen schickte er den Vortrupp los, um Hofmädchen als Dienerinnen der Gemahlin zu verlangen; doch dieser Sun Wukong schlug ihn in die Flucht. Darum ist mein König wütend und ließ mich die Kriegserklärung bringen; morgen wird er kämpfen.“
Wukong sagte: „Warum ist Euer König denn so aufgebracht?“
Das Ungeheuer antwortete: „Er ist gerade da drinnen voller Zorn. Geh doch und sing ihm ein paar Zeilen eines daoistischen Liedes vor, dann wird er vielleicht etwas ruhiger.“
Der Große Heilige verbeugte sich und machte sich schnell davon. Das Ungeheuer schlug wieder auf den Gong und ging weiter. Nun wurde Wukong selbst listig, zog den Stab und schlug dem kleinen Ungeheuer von hinten auf den Kopf. Ein trauriger Schlag: Schädel zersprungen, Blut spritzte, Leben und Geist waren dahin.
Er steckte den Stab weg und bereute sofort: „Etwas zu hastig. Ich habe nicht einmal gefragt, wie es heißt. Sei’s drum.“
Er nahm die Kriegserklärung an sich und steckte sie in den Ärmel. Gelbe Fahne und Kupfergong versteckte er im Gras neben dem Weg. Als er den Leichnam an den Füßen hinunterziehen wollte, hörte er einen metallischen Klang. An seinem Gürtel hing ein vergoldetes Namensschild, auf dem stand: „Ein kleiner Beamter des Herzens, namens Kommen-und-Gehen. Mittelgroßer Körper, kantiges Gesicht, kein Bart. Dauerhaft zu tragen; ohne Schild ist man ein Betrüger.“
Wukong lachte. „Also heißt dieser Kerl Kommen-und-Gehen. Dieser eine Stab hat ihn wirklich kommen und nicht wieder gehen lassen!“
Er nahm das Namensschild an sich und hängte es an den Gürtel. Den Leichnam wollte er schon ins Tal ziehen, dachte dann aber an die Giftigkeit von Rauch, Feuer und Sand. Daher wagte er nicht, sich direkt an die Höhle zu machen, hob stattdessen den Stab und stieß das kleine Ungeheuer in die Brust. Er hob es hoch und kehrte geradewegs in das Königreich zurück, um sich den ersten Verdienst anrechnen zu lassen.
Als er mit einem Pfiff ins Reich zurückkehrte, stand Bajie gerade vor dem Goldenen Palast und beschützte König und Meister. Er drehte den Kopf und sah Wukong halb in der Luft, wie er den Dämon aufgespießt heranschleppte, und ärgerte sich: „Ach, das ist ja ein guter Fang! Hätte ich doch gewusst, dass es so etwas zu holen gibt, dann wäre ich selbst gegangen - und mir würde der Verdienst gehören.“
Noch ehe er fertig gesprochen hatte, senkte Wukong die Wolke und schleuderte den Dämon auf die Stufen. Bajie rannte herbei und stieß mit dem Dreschzahn zu. „Das ist mein Verdienst.“
Wukong sagte: „Welcher Verdienst denn?“
Bajie sagte: „Rede mir nichts ein. Ich habe Zeugen. Siehst du nicht, wie ich ihm neun Löcher hineingestoßen habe?“
Wukong sagte: „Schau doch erst, ob er noch einen Kopf hat.“
Bajie lachte. „Also ist er kopflos. Ich wunderte mich schon, warum er sich nicht bewegt.“
Wukong fragte: „Wo ist mein Meister?“
Bajie sagte: „Im Palast, er unterhält sich mit dem König.“
Wukong sagte: „Dann geh und hol ihn heraus.“
Bajie stieg eilig auf den Schatzpalast und nickte. Tripitaka stand sogleich auf und kam vom Palast herab, um Wukong zu empfangen.
Wukong steckte den Kriegserklärungsbrief in Tripitakas Ärmel und sagte: „Meister, bewahrt das gut auf und lasst es dem König nicht sehen.“
Noch während er sprach, kam auch der König selbst vom Palast herab, um Wukong zu begrüßen. „Heiliger Mönch, seid Ihr wieder da? Wie steht es mit der Dämonenangelegenheit?“
Wukong zeigte mit dem Finger auf die Stufen. „Ist das dort unten nicht ein Dämon? Den hat der alte Sun getötet.“
Der König sah hin und sagte: „Das ist gewiss ein Dämonenleib, aber nicht Sai Tai Sui. Sai Tai Sui habe ich selbst zweimal gesehen. Er ist acht Fuß groß, mit breiten Schultern und Gesicht wie Goldglanz, seine Stimme klingt wie Donner.
Wie könnte das hier so klein und schäbig sein?“
Wukong lächelte. „Eure Majestät erkennt gut, das ist tatsächlich nicht er. Das ist nur ein kleiner Bote. Als er mir begegnete, schlug ich ihn nieder und brachte ihn als Verdienst mit zurück.“
Der König freute sich sehr. „Gut, gut, gut - das ist doch der erste Verdienst. Wir schicken zwar ständig Leute aus, um nachzusehen, bekommen aber nie etwas Sicheres. Kaum tritt der heilige Mönch auf, bringt er uns schon einen Gefangenen heim. Wahrhaft göttliche Kraft!“
Er sagte: „Bringt warmen Wein, damit wir den Verdienst des Mönchs feiern.“
Wukong sagte: „Wein ist nur Kleinkram. Ich möchte Eurer Majestät noch etwas fragen: Hat die Goldene Heilige Gemahlin beim Abschied irgendein Zeichen hinterlassen? Gebt mir doch etwas davon mit.“
Als der König das Wort ,Zeichen‘ hörte, tat es ihm im Herzen so weh wie von Messern und Schwertern. Er konnte seine Tränen nicht zurückhalten und sagte:
In jenem Jahr, als das Fest des roten Sommers kam, erhob der Dämon des Unheils sein Schreien. Er raubte unsere Kaisergemahlin gewaltsam als Bergkönigin, ich gab sie für das Volk preis. Es gab kein Gespräch im Abschied, kein Pavillon des langen Wartens für die Trennung. Kein Duftbeutel war mehr zu sehen, bis heute bin ich einsam und allein.
Wukong sagte: „Eure Majestät ist doch hier, warum noch weiter trauern? Wenn die Gemahlin kein Zeichen hinterlassen hat, gab es denn vielleicht im Palast etwas, das sie besonders liebte? Gebt mir davon doch ein Stück mit.“
Der König fragte: „Wozu denn?“
Wukong sagte: „Der Dämon hat wahrhaft göttliche Kräfte. Ich habe gesehen, wie er Rauch, Feuer und Sand ausstößt - das ist wirklich schwer zu besiegen. Und selbst wenn ich ihn besiege, könnte die Gemahlin mich vielleicht nicht erkennen und nicht mit mir zurückkommen wollen, weil ich ihr fremd vorkomme. Ich brauche also einen Gegenstand, den sie seit jeher liebt. Nur dann glaubt sie mir und ich kann sie heimbringen. Deshalb bitte ich darum.“
Der König sagte: „Im Schminkzimmer des Sonnenpalasts liegt auf dem Frisiertisch ein Paar goldene Edelsteinketten. Sie gehörten ursprünglich an die Arme der Goldenen Heiligen Gemahlin. Als am Duanwu-Fest die Fünf-Farben-Schnüre gebunden werden sollten, nahm sie sie ab und hat sie nicht wieder angelegt. Das ist ihr liebster Besitz. Seit sie fort ist, habe ich den Gegenstand nicht mehr ansehen wollen; wenn ich ihn nur sehe, ist es, als sähe ich ihr jadegleiches Antlitz, und meine Krankheit wird noch schlimmer.“
Wukong sagte: „Lasst diese Worte beiseite und bringt mir die goldenen Ketten. Wenn Ihr sie entbehren könnt, gebt mir beide; wenn nicht, dann wenigstens eine.“
Der König befahl also, sie aus dem Jademahl-Palast holen zu lassen. Sie wurden gebracht und dem König übergeben, und dieser reichte sie Wukong. Wukong nahm sie an und legte sie sich über den Arm.
Der Große Heilige trank nicht mehr lange vom Verdienstwein, sondern stieg auf die Sommersault-Wolke und erreichte mit einem Pfiff wieder den Qilin-Berg. Ohne die Landschaft zu betrachten, ging er direkt zur Höhle. Gerade als er unterwegs war, hörte er Stimmen und Lärm und blieb stehen, um genau hinzusehen.
Vor dem Tor der Xiezhi-Höhle standen etwa fünfhundert kleine und große Wachen aufgereiht, eng und dicht, mit Speeren und Waffen im Sonnenlicht, mit Fahnen und Bannern im Wind. Tigerkrieger und Bärenmeister, Pantherköpfe und Stierkommandanten, Grauwölfe, Otter-Elefanten, Hasen und Rehe, lange Schlangen, große Pythons und Affen - alle standen in Reihen und hielten Wache.
Wukong sah das und wagte nicht, sofort vorzugehen. Stattdessen kehrte er um. Aber warum zog er sich zurück? Nicht aus Furcht. Er ging zurück zu der Stelle, an der er den kleinen Boten erschlagen hatte, fand gelbe Fahne und Kupfergong wieder, machte im Wind eine Form und verwandelte sich dann in genau die Gestalt des Kommen-und-Gehen. So schlug er den Gong und marschierte breitbeinig direkt in die Xiezhi-Höhle hinein.
Gerade als er sich die Höhlenlandschaft ansehen wollte, rief drinnen ein Affe: „Kommen-und-Gehen, bist du wieder da?“
Wukong musste antworten: „Ja, ich bin zurück.“
Der Affe sagte: „Schnell weiter. Unser König wartet auf dem Hautabzieh-Pavillon schon auf deinen Bericht.“
Wukong ging also weiter, schlug auf den Gong und trat durch das Vortor. Als er hineinsah, waren dort schroffe Klippen, ausgehöhlte Steinhäuser, links und rechts seltene Blumen und heilkräftiges Gras, vorn und hinten uralte Zypressen und hohe Kiefern. Unversehens kam er durch das zweite Tor. Da hob er den Kopf und sah einen hellen Pavillon mit acht Fenstern. In der Mitte stand ein mit Gold beschichteter Lehnsessel, auf dem ein Dämonenkönig saß, von wahrhaft schrecklichem Aussehen. Denn:
Ein glitzernder Glanz lag auf seinem Haupt, gefährliche Tötungslust auf der Brust. Aus dem Mund ragten Hauzähne wie scharfe Klingen, an den Schläfen loderten schwarze Haare wie roter Rauch. Sein Bart stand wie Pfeile, der ganze Leib war mit Borsten bedeckt wie Schichten von Filz. Die Augen sprangen aus Kupferkugeln hervor, als wollten sie selbst die Jahreszeiten verspotten. In der Hand hielt er einen Eisenstock, als wolle er den Himmel damit stützen.
Wukong sah ihn und zeigte dem Ungeheuer offen seinen Hochmut. Nicht die geringste Hofetikette war ihm mehr im Sinn. Er drehte den Kopf nach draußen und schlug nur weiter auf den Gong.
Der Dämonenkönig fragte: „Bist du da?“
Wukong antwortete nicht.
Der König fragte noch einmal: „Kommen-und-Gehen, bist du da?“
Wieder gab er keine Antwort.
Der Dämonenkönig trat vor und packte ihn. „Wie kannst du, wenn du schon nach Hause gekommen bist, weiter auf dem Gong herumklappern und auf Fragen nicht antworten? Was soll das?“
Wukong warf den Gong auf den Boden. „Was heißt hier ,was soll das‘? Ich sagte, ich wolle nicht gehen, doch du schicktest mich los. Als ich dort ankam, standen dort unzählige Soldaten und Streitwagen in Schlachtordnung. Sobald sie mich sahen, riefen sie: ,Fangt den Dämon! Fangt den Dämon!‘ Sie stießen und zerrten mich, schleppten mich in die Stadt und führten mich vor den König. Der König wollte sofort: ,Köpft ihn!‘ Zum Glück sagten zwei Reihen von Beratern: ,Zwischen zwei Staaten, die miteinander streiten, darf man den Gesandten nicht töten.‘ So ließ man mich leben, nahm die Kriegserklärung entgegen und führte mich aus der Stadt. Vor dem Heer gab man mir dreißig heftige Fußtritte und ließ mich dann zurückkommen, um zu berichten. Euer König wird bald selbst gegen Euch kämpfen.“
Der Dämonenkönig sagte: „Dann hast du gelitten; kein Wunder, dass du nicht antworten konntest.“
Wukong sagte: „Wie hätte ich nicht gelitten? Ich war so benommen und bekam schon genug Prügel. Da konnte ich die Truppenzahl gar nicht erst zählen. Ich sah nur, dass dort die Waffen dicht an dicht standen:
Bogen, Pfeile, Säbel, Speere, Panzer und Gewänder, Hellebarden, Schwerter, Lanzen, Quastenbanner. Lanzenspitzen, Halbmondschaufeln, Helme und Rüstungen, Äxte, Rundschilde, Eisenstacheln. Lange Keulen, kurze Hämmer, Stahlgabeln, Kanonen und Helme. Dazu Stiefel, gepolsterte Rüstungen, Peitschen, Donnerkugeln und Kupferkeulen.
Der König hörte das und lachte. „Nicht schlimm, nicht schlimm. Bei so vielen Waffen geht alles in Asche auf. Geh nun sofort und sage der Heiligen Gemahlin Bescheid, damit sie sich nicht ängstigt. Heute Morgen, als sie hörte, dass ich wütend zum Kampf ziehen will, hat sie schon die ganze Zeit geweint. Sag ihr, dass dort eine starke Streitmacht steht und dass wir ihn wohl schlagen werden; dann kann sie sich erst einmal beruhigen.“
Wukong freute sich im Inneren sehr. „Genau das wollte der alte Sun hören.“
Er kannte nun den Weg. Er bog um die Seitenpforte, durchquerte die Hallen und ging weiter. Alles drinnen war noch höher und prächtiger als vorn und ganz anders als zuvor. Erst im hinteren Palast sah er in der Ferne einen farbenprächtigen Eingang, das war die Wohnstätte der Goldenen Heiligen Gemahlin. Er trat ein und sah zwei Reihen von Dämonenfüchsen und Dämonenhirschen, die alle wie Frauen geschminkt links und rechts standen. In der Mitte saß die Gemahlin, die den Kopf auf die Hand stützte und mit tränenüberströmten Augen dastand.
Sie war wahrhaft:
Ihr jadegleiches Antlitz war zart und schön, ihr Aussehen verführerisch und anmutig. Sie trug das Haar locker und unfrisiert, die Schläfen hingen wie schwarze Wolken; sie mied Schmuck und Haarnadeln. Kein Puder auf dem Gesicht milderte das Rot; kein Öl im Haar hielt die Wolkenfrisur zusammen. Die Kirschlippen waren fest zusammengepresst, die silbernen Zähne verborgen. Die Augenbrauen waren wie erschrockene Motten gerunzelt, die Tränen tränkten die Sternenaugen. Ihr ganzes Herz dachte nur an den König von Zhuzi, und in diesem Augenblick hätte sie am liebsten das Netz und den Käfig durchbrochen. Wahrlich: Seit alters her haben schöne Gesichter oft ein kurzes Schicksal; still und wortlos saß sie dem Ostwind gegenüber.
Wukong trat vor und fragte höflich. „Ich grüße Euch.“
Die Gemahlin sagte: „Dieser freche Dorfunhold ist höchst ungehobelt. Als ich noch im Königreich Zhuzi in Glück und Glanz mit dem König lebte, verneigten sich Großwesir und Kanzler vor mir bis auf den Boden und wagten nicht aufzublicken. Wie kann dieses wilde Geschöpf mir einfach ,Ich grüße Euch‘ zurufen? Woher kommt nur diese Grobheit?“
Die Dienerinnen traten vor und sagten: „Gnädige Herrin, beruhigt Euch. Er ist der persönliche kleine Beamte des großen Königs und heißt Kommen-und-Gehen. Heute Morgen war er es, der die Kriegserklärung überbracht hat.“
Die Gemahlin fragte unterdrückter Wut: „Wenn du die Kriegserklärung gebracht hast - bist du denn bis an die Grenze des Königreichs Zhuzi gekommen?“
Wukong sagte: „Ich trug den Brief direkt in die Stadt bis zum Goldenen Palast und sah den König selbst. Die Antwort habe ich bereits erhalten.“
Die Gemahlin fragte: „Und was sagte der König, als du vor ihm standest?“
Wukong erwiderte: „Der König sprach mit mir über den Krieg und die Aufstellung der Truppen. Nur hatte er einen Gedanken an Eure Herrlichkeit im Herzen. Ein Wort, das Euch erfreuen würde, soll ich Euch ausdrücklich melden. Da unter so vielen Leuten kein passender Ort war, konnte ich es nicht offen sagen.“
Da schickte die Gemahlin die zwei Reihen von Füchsen und Hirschen fort. Wukong schloss das Palasttor, wischte sich übers Gesicht und nahm seine wahre Gestalt an. Dann sagte er:
„Fürchtet Euch nicht. Ich bin ein Mönch aus dem Osten, von Tang aus dem Großen Tang entsandt, um im westlichen Großindien im Donnerleuchtenden Kloster Buddha zu sehen und die Schriften zu holen. Mein Meister ist der königliche Bruder des Tang-Kaisers, Tang Sanzang. Ich bin sein ältester Schüler, Sun Wukong. Als ich durch Euer Reich kam, um die Beglaubigungspapiere auszutauschen, sah ich, dass Euer König einen Aushang zur Heilung von Krankheiten erlassen hatte. Ich zeigte meine dreifach bewährte Meisterhand und heilte seine Liebeskrankheit. Dafür gab es ein Festbankett. Beim Trinken fiel das Gespräch auf Euch, die von einem Dämon verschleppt worden seid. Ich kann Drachen unterwerfen und Tiger bändigen; deshalb ließ mich der König herkommen, um den Dämon zu fangen und Euch heimzubringen. Der Vortrupp wurde von mir besiegt, und auch den kleinen Boten habe ich getötet und hergebracht.
Als ich draußen die wilde Wut des Unholds sah, verwandelte ich mich in die Gestalt des Kommen-und-Gehen, setzte mein Leben aufs Spiel und kam hierher, um Euch zu benachrichtigen.“
Die Gemahlin hörte zu und blieb still. Wukong holte die Edelstein-Ketten hervor, hielt sie mit beiden Händen hin und sagte: „Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann seht doch, woher dieser Gegenstand stammt.“
Als die Gemahlin sie sah, strömten die Tränen. Sie stieg vom Sitz herab und dankte ihm. „Wenn Ihr mich wirklich wieder an den Hof zurückbringen könnt, werde ich Eure große Wohltat bis an mein Lebensende nie vergessen.“
Wukong fragte: „Was ist denn das für ein Schatz, mit dem er Feuer, Rauch und Sand ausstößt?“
Die Gemahlin sagte: „Es ist nichts besonders Großes - nur drei goldene Glöckchen. Wenn er das erste schüttelt, entstehen dreihundert Zhang Feuer, die Menschen verbrennen; schüttelt er das zweite, entstehen dreihundert Zhang Rauch, der Menschen betäubt; schüttelt er das dritte, entsteht dreihundert Zhang gelber Sand, der die Menschen verwirrt. Feuer und Rauch sind noch nicht einmal das Schlimmste. Der gelbe Sand ist am giftigsten. Gerät er in die Nasenlöcher, kostet er einem das Leben.“
Wukong sagte: „Gefährlich, gefährlich. Ich habe ihn schon einmal abbekommen und zweimal geniest. Wo trägt er die Glöckchen denn?“
Die Gemahlin antwortete: „Wohin sollte er sie legen? Er trägt sie immer am Gürtel, bei Tag wie bei Nacht, beim Gehen, Sitzen und Schlafen - sie weichen nie von seinem Leib.“
Wukong sagte: „Wenn Ihr noch an Zhuzi-Königreich hängt, dann müsst Ihr den König wiedersehen und die ganze Sorge ein wenig lösen. Setzt ein fröhliches, heiteres Gesicht auf und sprecht mit ihm in ehelicher Zuneigung, damit er Euch die Glöckchen gibt. Dann kann ich sie mir heimlich holen, den Dämon unterwerfen und Euch später zurückbringen. So werden die Phönixpartner sich wieder vereinigen und ihr könnt in Frieden leben.“
Die Gemahlin willigte ein.
Wukong nahm wieder die Gestalt des Kommen-und-Gehen an, öffnete das Palasttor und rief die Dienerinnen herein. Die Gemahlin sagte: „Kommen-und-Gehen, geh schnell zum Vorderpavillon und bitte deinen König her, damit er mit mir spricht.“
Der Große Heilige antwortete und ging sogleich zum Hautabzieh-Pavillon. Dort sagte er zum Dämonenkönig: „Mein König, die heilige Gemahlin bittet Euch.“
Der Dämonenkönig freute sich. „Die Gemahlin schimpft sonst doch immer nur. Warum lädt sie heute plötzlich ein?“
Wukong erklärte: „Die Gemahlin fragte nach dem König von Zhuzi. Ich sagte ihr: ,Er will Euch nicht mehr; in seinem Land hat er schon eine neue Königin erhoben.‘ Als sie das hörte, verlor sie die Hoffnung und ließ mich rufen.“
Der Dämonenkönig war sehr erfreut. „Du bist wirklich zu etwas nütze. Wenn ich sein Land unterworfen habe, setze ich dich als Hofminister ein.“
Wukong dankte und ging mit dem Dämonenkönig zum Hintertor des Palastes. Die Gemahlin empfing sie mit freundlichem Lächeln und wollte ihn sogar an der Hand fassen. Doch der Dämonenkönig wich zurück und sagte hastig: „Ich wage es nicht, ich wage es nicht. Ich danke der Gemahlin sehr für ihre Liebe, doch meine Hand tut weh, ich kann mich nicht an sie lehnen.“
Die Gemahlin sagte: „Mein König, setzen Sie sich, ich möchte mit Ihnen sprechen.“
Der Dämonenkönig sagte: „Sprechen Sie nur, ich höre zu.“
Die Gemahlin begann: „Ich stehe nun seit drei Jahren unter der Liebe des großen Königs und habe noch nie mit Euch unter einem Dach geschlafen oder das gleiche Bett geteilt. Das ist wohl die Bindung aus vergangenen Leben, die uns zu Mann und Frau gemacht hat. Doch Ihr habt offenbar Gedanken an andere und behandelt mich nicht mehr wie eine Ehefrau.
Als ich einst im Königreich Zhuzi Königin war, wurden mir von allen Seiten kostbare Tribute gebracht. Der König betrachtete sie und gab sie gewiss an die Königin weiter. Hier aber gibt es kaum einen Schatz; Ihr tragt nur Pelz und lebt von Fleisch. Wann hat man bei Euch Seide, Brokat, Gold oder Perlen gesehen? Überall nur Felle und Decken. Wenn also doch ein Schatz da ist, dann bei Euch - aber weil Ihr Euch von mir entfernt habt, lasst Ihr mich ihn nicht einmal sehen und bewahrt ihn auch nicht für mich auf.
Gerade die drei Glöckchen, von denen ich hörte - das muss doch ein Schatz sein. Warum tragt Ihr sie ständig bei Euch, ob Ihr geht oder sitzt? Gebt sie mir zur Verwahrung. Wenn Ihr sie braucht, holt Ihr sie wieder hervor. Das wäre doch nicht zu viel verlangt. Schließlich sind wir Mann und Frau; da sollte man sich im Herzen etwas anvertrauen. Wenn Ihr Euch mir nicht anvertraut, wenn das keine Distanz ist, was dann?“
Der Dämonenkönig lachte und entschuldigte sich. „Die Gemahlin hat recht, die Gemahlin hat recht. Der Schatz ist hier. Heute soll er Euch anvertraut werden.“
Er hob seine Gewänder und nahm den Schatz heraus. Wukong stand daneben und rührte sich nicht; er beobachtete genau, wie der Dämon zwei oder drei Kleidungsstücke anhob und die drei Glöckchen ganz dicht am Leib trug.
Er löste sie ab, stopfte etwas Baumwolle in die Öffnung, wickelte sie in einen Leopardenbalg und reichte sie der Gemahlin: „Der Gegenstand ist zwar klein, doch er muss sorgfältig aufbewahrt werden. Schüttelt ihn auf keinen Fall.“
Die Gemahlin nahm ihn entgegen und sagte: „Ich weiß schon. Ich stelle ihn auf den Frisiertisch, da rührt ihn niemand an.“
Sie rief: „Dienerinnen, bringt Wein her. Ich will mit dem König ein frohes Beisammensein halten und ein paar Becher trinken.“
Die Dienerinnen bereiteten sofort Obst und Gemüse, stellten Hirsch-, Reh- und Kaninchenfleisch auf und schenkten Kokoswein ein. Die Gemahlin legte sich ein verführerisches Wesen zu und lenkte den Dämon mit Schmeichelei ab.
Sun Wukong hielt währenddessen Ausschau nach einer Gelegenheit. Er schlich sich langsam an den Frisiertisch heran, nahm die drei goldenen Glöckchen ganz behutsam an sich und schlich Schritt für Schritt aus dem Palast. Draußen vor dem Hautabzieh-Pavillon breitete er, als niemand in der Nähe war, den Leopardenbalg aus und sah die Glöckchen in der Mitte: eines so groß wie eine Teeschale, die beiden anderen jeweils faustgroß. Da er die Gefahr noch nicht kannte, zog er die Baumwolle heraus.
In demselben Augenblick erklang ein scharfes Klirren, und aus den Glöckchen brachen Feuer, Rauch und gelber Sand hervor. Er konnte sie nicht mehr rechtzeitig zurückhalten; der ganze Pavillon stand sofort in lodernder Hitze.
Die Wächterunholde erschraken, stürmten in den Hinterpalast und alarmierten den Dämonenkönig. Dieser rief: „Feuer löschen! Feuer löschen!“
Als er herauskam, sah er, dass Kommen-und-Gehen die Glöckchen gestohlen hatte.
Der Dämonenkönig schrie: „Du elender Knecht, wie konntest du meine goldenen Glöckchen stehlen und hier solchen Unsinn treiben? Her damit, her damit!“
Die Tigerkrieger, Bärenmeister, Pantherköpfe, Stierkommandanten, Otter-Elefanten, Grauwölfe, frechen Rehe, geschickten Hasen, langen Schlangen, großen Pythons und Affen strömten sofort zusammen.
Wukong geriet in Verwirrung, ließ die Glöckchen fallen, nahm wieder seine wahre Gestalt an, zog den Ringstab hervor und schlug wild auf alles ein. Der Dämonenkönig nahm den Schatz zurück und gab den Befehl: „Schließt das Vortor!“
Die Ungeheuer hörten das und schlossen die Tore, einige eilten zum Kampf.
Wukong entkam nur knapp, steckte den Stab weg, verwandelte sich in eine dumme Fliege und setzte sich auf die feuerlose Steinwand. Die Ungeheuer fanden ihn nicht und meldeten: „Mein König, der Dieb ist entkommen, der Dieb ist entkommen!“
Der Dämonenkönig fragte: „Ist er durch das Tor hinaus?“
Alle sagten: „Das Vortor ist fest verriegelt, er ist nicht herausgegangen.“
Der Dämonenkönig sagte nur: „Sucht sorgfältig.“
Einige holten Wasser und löschten das Feuer, andere suchten überall. Doch keinerlei Spur war zu finden. Der Dämonenkönig schimpfte: „Was ist das für ein Dieb? So dreist, sich in Kommen-und-Gehen zu verwandeln, hereinzukommen, mir zu berichten und sich an meine Seite zu heften, um meine Schätze zu stehlen. Zum Glück hat er sie nicht hinausgetragen. Hätte er sie auf den Berg hinausgeschafft und dem Wind ausgesetzt, was dann?“
Ein Tigerkrieger sagte: „Eure Majestät hat himmlisches Glück, unser Schicksal ist nicht erschöpft, deshalb haben wir es rechtzeitig gemerkt.“
Ein Bärenmeister trat vor und sagte: „Mein König, dieser Dieb ist niemand anderes als jener Sun Wukong, der den Vortrupp besiegt hat. Er muss unterwegs dem echten Kommen-und-Gehen begegnet sein, ihn getötet, gelbe Fahne, Kupfergong und Namensschild an sich genommen und sich in seine Gestalt verwandelt haben, um Euch zu täuschen.“
Der Dämonenkönig sagte: „Genau, genau, das klingt einleuchtend.“
Er rief: „Ihr Kleinen, sucht genau und haltet Wache. Öffnet auf keinen Fall das Tor, damit er nicht entkommt.“
So heißt es: Aus List wird Torheit, und aus Spielerei wird Wahrheit. Wie Sun Wukong aus dem Dämonentor entkam, soll das nächste Kapitel berichten.