Kapitel 50 Verwirrte Liebe bringt die Natur aus dem Gleichgewicht, der Geist verfinstert sich und trifft auf den Dämonenhauptmann
Die fünfzigste Episode von Die Reise nach Westen: Auf dem Weg zum Goldberg begegnen Tang Sanzang und seine Schüler dem einhörnigen Dämonenkönig; der Goldene Stab wird vom Ring fortgeschnellt, und der Kampf der Brüder im Gebirge beginnt von Neuem.
Den Geist immer wieder reinigen, den Staub der Gefühle feinsinnig abwischen. Lass keinen Abgrund den großen Vairocana verschlingen. Die wahre Natur bleibt nur dann hell und klar. Die Flamme des Wesens muss immer neu gestutzt werden. Der Strom von Caoxi darf frei atmen und strömen. Lass nicht zu, dass Affe und Pferd mit grober Stimme lärmen. Atem und Ruhe müssen Tag und Nacht ununterbrochen anhalten. Dann erst zeigt sich wahre Übung.
Dieser Abschnitt aus dem Lied ,Nankezi‘ erzählt, wie Tang Sanzang den kalten Eisfluss des Tongtian überquert hatte und auf der anderen Seite auf der Riesenschildkröte ans Land gelangt war. Die vier Pilger ritten nun wieder auf der Weststraße weiter. Es war tiefster Winter; die Wälder standen düster im Nebel, die Berge scharf und klar wie aus Wasser geschnitzt.
Unterwegs stießen sie erneut auf ein hohes Gebirge, das den Weg versperrte. Der Pfad war eng, die Felsen ragten steil auf, und selbst Pferde kamen kaum voran. Tang Sanzang hielt die Zügel an und rief nach seinen Schülern. Wukong trat mit Bajie und Sha Wujing vor ihn hin. Der Meister sagte, dort vorne seien hohe Berge und vermutlich Tiger, Wölfe und andere Unholde. Sie müssten nun doppelt vorsichtig sein.
Wukong beruhigte ihn: Solange die Brüder zusammenhielten und das Wahre suchten, müssten sie keine wilden Tiere oder Dämonen fürchten. Tang Sanzang wagte es daraufhin weiterzugehen. Als sie ins Tal kamen, sahen sie hohe Felsen und wilde Gipfel, schroffe Kämme und tiefe Schluchten. Der Weg war eng und gefährlich. Schließlich entdeckte Sanzang in einer Bergmulde auf einem sonnigen Hang einige Gebäude. Er freute sich und sagte, dort müsse man gewiss ein Bauernhaus oder ein Kloster finden, wo man um Essen bitten könne.
Wukong aber sah dunkle Wolken und böse Ausdünstungen. Er sagte, solche Gebäude seien oft nur von Dämonen herbeigezaubert, um Leute zu täuschen. In den westlichen Ländern gebe es viele Geister, die Häuser, Türme und Hallen vorgaukeln könnten. Es könnten Nebel, Meeresdunst oder flüchtige Luftspiegelungen sein. Tang Sanzang bestand trotzdem darauf, dass er bereits sehr hungrig sei. Da ließ Wukong ihn anhalten und in einem ebenen Bereich warten, während er selbst an einen anderen Ort ging, um Almosen zu sammeln.
Mit einem Kreis aus Goldstab-Zauberei zeichnete Wukong um den Meister einen Ring in den Schnee und sagte zu ihm, er solle weder den Kreis verlassen noch unruhig werden. Er, Bajie und Sha Wujing würden die Sache schon regeln. Dann flog er in Wolken weiter nach Süden und kam bald zu einem Dorf mit alten Bäumen und einigen Höfen.
Dort trat ein alter Mann mit Stab und Schafpelz hervor. Wukong fragte höflich nach einer Mahlzeit. Doch der Alte sagte, er sei auf dem falschen Weg; die Straße nach Westen liege weit nördlich. Wukong erwiderte, der Meister warte bereits auf der Straße. Der Alte glaubte ihm nicht und fürchtete sich schließlich, als Wukong behauptete, er sei eben erst aufgebrochen und schon wieder zurück. Da griff der Alte nach seinem Stab, rief, der Mönch sei wohl ein Geist, und lief ins Haus.
Wukong schlüpfte darauf heimlich hinein, sah in der Küche, dass bereits eine große Schüssel Reis gekocht wurde, und nahm mit seiner Schale genug für den Meister mit. Zurück am Schneeplatz wartete Tang Sanzang schon unruhig, weil er nicht wusste, wohin Wukong gegangen war. Bajie mokierte sich, Wukong habe die Brühe wohl nur zum Spaß geholt und sie säßen hier wie Gefangene. Da erklärte Bajie, er wolle lieber gleich weiterziehen.
Doch Sanzang folgte ihm aus dem Kreis, und so setzten sie die Reise fort. Sie kamen zu einem Haus mit Satteldach und einer nach Süden gerichteten Halle. Bajie band das Pferd an den Stein vor dem Tor, Sha Wujing stellte das Gepäck ab, und Tang Sanzang setzte sich gegen den Wind an die Schwelle. Bajie ging hinein, um zu sehen, ob jemand da sei.
Drinnen fand er zunächst eine große Halle ohne Menschen. Als er weiterging, stieß er in einem oberen Zimmer auf ein Bett, auf dem ein Haufen Knochen lag, groß wie ein Schädelkorb, mit langen Beinknochen. Er erschrak, konnte aber den Blick nicht abwenden und murmelte ein trauriges Sprüchlein über die Vergänglichkeit von Würde, Macht und Heldentum. Dann sah er hinter einem Vorhang noch einen bemalten Tisch und darauf drei wattierte Westen aus Brokat.
Da der Pilger und der Meister draußen froren, nahm Bajie die Westen mit hinunter und sagte, im Haus gebe es niemanden, also könne man diese Dinge wohl gebrauchen. Tang Sanzang widersprach ihm mit Recht und sagte, es sei Diebstahl, selbst wenn niemand da sei. Bajie aber meinte frech, wenn kein Mensch es wisse, müsse der Himmel doch auch nichts sehen. Tang Sanzang warnte ihn vor dem göttlichen Auge. Bajie wollte dennoch nichts zurückgeben und zog sich eine Weste an. Sha Wujing machte es ihm gleich.
Kaum hatten sie die Kleidungsstücke angelegt, wurden sie mit einem Schlag wie festgebunden. Arme und Rücken klebten aneinander, und beide stürzten zu Boden. Da begriff Sanzang, dass das Haus ein von Dämonen verhextes Gehöft war. Kaum hatte er Alarm geschlagen, erschien auch schon der Dämonenhauptmann, verwandelte die Hallen in ihre wahre Gestalt, fesselte die drei Mönche, nahm das Pferd und das Gepäck mit und verschleppte sie in seine Höhle.
Später kam Wukong mit der erbetenen Speise zurück und fand nur noch den leeren Kreis im Schnee. Tang Sanzang war verschwunden, das Haus war weg, und nur Fels und Berg lagen dort. Wukong ahnte sofort, dass sein Meister in die Hände des Dämons gefallen war, und folgte den Pferdespuren nach Westen. Unterwegs begegnete ihm ein alter Mann mit Lammfell, der sagte, sie hätten den falschen Weg genommen und seien in die Hände eines Dämonenfürsten geraten, des Einhorn-Dämons vom Goldberg. Wukong wollte natürlich weitersuchen.
Da stellte sich der Alte als Berggott und Erdgeist heraus und bat Wukong, den Almosentopf nur mitzunehmen und selbst leichter zu werden. Wukong schimpfte, warum sie ihn nicht gleich begrüßt hätten. Dann eilte er zum Goldberg, fand die Höhle und rief dem Dämonenhauptmann zu, er solle seinen Meister herausgeben. Der Einhorn-Dämon trat hervor, ein schreckliches Wesen mit einem einzigen Horn, wilden Augen und einer Stimme wie Donner. Wukong forderte ihn auf, seinen Meister freizulassen, sonst werde er ihn selbst in den Boden schlagen.
Der Dämon verspottete ihn und sagte, Sanzang habe seine Verkleidung gestohlen. Wukong entgegnete, sein Meister sei ein rechtschaffener Mönch und kein Dieb. Der Dämon erklärte, Sanzang habe sich in seine Zauberresidenz geschlichen und drei brokatene Westen gestohlen, daher sei er gefasst worden. Wenn Wukong Mut habe, solle er mit ihm drei Runden kämpfen. Gewänne Wukong, lasse er den Meister frei; verlöre er, dann würden alle auf einmal gefressen.
Wukong lachte nur und stürmte vor. Goldener Stab und langer Speer trafen aufeinander, und die Schlacht tobte wild vor dem Höhlentor. Der Dämon spie violetten Nebel, Wukong ließ leuchtende Wolken aufbrechen. Nach dreißig Runden waren sie immer noch ohne Sieger. Wukong lobte die Speerkunst des Gegners, der Dämon wiederum Wukongs Stabführung. Dann rief der Dämon seine Scharen herbei. Die Dämonen drängten sich mit Schilden, Säbeln und Speeren um den Pilger.
Wukong schleuderte den Goldenen Stab in die Luft, rief „Verwandelt euch!“ und ließ ihn in hunderte eiserne Stäbe zerspringen, die wie Schlangen und Drachen vom Himmel fielen. Die Dämonen erschraken und flohen in die Höhle. Da zog der Einhorn-Dämon aus dem Ärmel einen leuchtenden Ring hervor, warf ihn in die Luft und rief „Treff!“ Mit einem Schlag schnappte er den Goldenen Stab fort und nahm ihn an sich. Wukong blieb unbewaffnet zurück und musste mit einem Überschlag entkommen.
So zeigt sich: Der Dämon war diesmal einen Kopf höher als der Mönch, und weil die Leidenschaft in Wukongs Herz für einen Moment verwirrt war, hielt er den falschen Ort für den rechten. Doch wie es weitergeht, erzählt das nächste Kapitel.