Kapitel 43: Der Unhold des Schwarzwasserflusses schleppt den Mönch fort; der Drachenprinz des Westmeers fängt den Schildkrötendrachen und bringt ihn zurück
Guanyin bezwingt den Schildkrötenjungen und säubert den Schwarzwasserfluss, doch die Pilger werden danach von einem Flussdämon verschleppt. Sun Wukong sucht den Drachenkönig des Westmeers auf, und der Drachenprinz hilft, den Unhold zur Rechenschaft zu ziehen.
Da sprach die Bodhisattva noch einige Male das Mantra und schwieg dann. Da war der Schmerz des Unholds schon verflogen. Er richtete sich auf, sah sich an und merkte, dass an Hals, Händen und Füßen goldene Ringe saßen, die so eng schnürten, dass sie schrecklich weh taten. Er wollte sie abstreifen, aber es rührte sich nicht einmal um ein Jota. Der Schatz hatte bereits Fleisch und Wurzel geschlagen; je mehr er rieb, desto mehr schmerzte es.
Wukong lachte. „Na, mein guter Kleiner, die Bodhisattva hatte wohl Angst, du würdest nicht groß genug werden, und hat dir Halsring und Armreifen verpasst.“
Der Knabe hörte das und wurde abermals zornig. Er packte die Lanze und stach blindlings auf Wukong ein. Wukong sprang rasch zur Seite und stellte sich hinter die Bodhisattva. „Sprich den Zauber! Sprich den Zauber!“
Die Bodhisattva tauchte den Weidenzweig in ein wenig süßen Tau und sprengte ihn auf den Knaben. Dabei rief sie: „Binde!“
Sogleich ließ er die Lanze fallen und brachte beide Hände vor der Brust zusammen. Er konnte sie nicht mehr öffnen. Bis heute wird dies als der Guanyin-Knotenring erinnert, und so ist es gemeint. Der Knabe konnte weder die Hände öffnen noch den Speer halten, und erst da erkannte er, wie tief die Kraft der Bodhisattva reichte. Da er keine Wahl hatte, senkte er den Kopf und fügte sich.
Die Bodhisattva murmelte die wahren Worte, kippte die reine Vase schräg und zog das ganze Meerwasser wieder hinein. Nicht ein Tropfen blieb zurück. Dann sagte sie zu Wukong: „Wukong, dieser Unhold ist zwar bezwungen, doch sein Sinn ist noch immer unruhig. Ich will ihn veranlassen, für jeden Schritt eine Verbeugung zu machen, bis er den Berg Putuo erreicht hat. Erst dann lasse ich den Zauber los. Geh nun schnell in die Höhle und rette deinen Meister.“
Wukong drehte sich um und kniete nieder. „Ihr seid für uns über eine solche Entfernung gekommen, Bodhisattva. Ich sollte Euch ein Stück begleiten.“
Guanyin sagte: „Das brauchst du nicht. Sonst verzögerst du womöglich das Leben deines Meisters.“
Wukong hörte das, verbeugte sich freudig und nahm Abschied. Der Unhold kehrte bereits zur rechten Frucht zurück; insgesamt verbeugte er sich dreiundfünfzig Mal und sah dabei dreiundfünfzig Mal die Bodhisattva.
Wir wollen nicht weiter davon reden, wie die gute Bodhisattva den Knaben aufnahm. Stattdessen sei berichtet: Sha Wujing hatte lange im Wald gesessen und auf Wukong gewartet. Als er immer noch nicht kam, hängte er das Gepäck auf das Pferd, nahm den Dämonenbannstab in eine Hand und die Zügel in die andere und trat aus dem Kiefernwald nach Süden hinaus. Dort sah er Wukong in freudiger Stimmung kommen. Sha Wujing trat ihm entgegen und sagte: „Bruder, warum kommst du erst jetzt zurück, nachdem du die Bodhisattva gerufen hast? Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt.“
Wukong sagte: „Du hast nur geträumt. Alter Sun hat die Bodhisattva bereits geholt, und sie hat den Unhold bezwungen.“
Dann erzählte Wukong ihm ausführlich von der Macht der Bodhisattva. Sha Wujing war überaus glücklich. „Dann lasst uns den Meister retten.“
Die beiden sprangen über den Graben, stießen vor dem Tor an, banden die Pferde fest und kämpften mit erhobenen Waffen in die Höhle hinein. Sie rotteten die ganze Schar der Dämonen aus, lösten den Ledersack und ließen Bajie heraus. Der Tor nahm Dank von Wukong an und sagte: „Bruder, wo ist der Unhold? Lass mich hingehen und ihm ein paarmal mit der Hacke eins überziehen, damit ich meinen Ärger loswerde.“
Wukong sagte: „Lass uns erst den Meister suchen.“
Die drei gingen direkt in den hinteren Teil und sahen ihren Meister nackt und hilflos im Hof gefesselt weinen. Sha Wujing löste hastig die Stricke, und Wukong brachte sofort die Kleider und zog sie ihm an. Die drei knieten vor ihm nieder und sagten: „Meister, Ihr habt gelitten.“
Tripitaka dankte ihnen. „Gute Schüler, ihr habt wirklich viel Mühe auf euch genommen. Wie habt ihr diesen Dämon niedergeworfen?“
Wukong erzählte ihm noch einmal ausführlich, wie sie die Bodhisattva gerufen und wie sie den Knaben aufgenommen hatten. Als Tripitaka das hörte, kniete er sofort nieder und verbeugte sich gen Süden.
Wukong sagte: „Es ist nicht nötig, ihr zu danken. Eher haben wir ihr einen Gefallen getan, indem wir einen Knaben aufgenommen haben.“
Damit ist gemeint, dass der Knabe Guanyin verehrt und bei jeder der dreiundfünfzig Verbeugungen den Buddha erblickt.
Sha Wujing wurde angewiesen, die Schätze aus der Höhle zu bergen. Dann suchten sie nach Reis und Vorräten, richteten eine Fastenspeise an und bewirteten den Meister. Der ehrwürdige Alte verdankte sein Leben Sun Wukong; die wahren Schriften zu holen, das vermochte nur der schöne Affenkönig.
Meister und Schüler verließen die Höhle, stiegen in die Sättel, fanden die große Straße und zogen mit festem Herzen gen Westen. Als sie mehr als einen Monat unterwegs waren, hörten sie plötzlich Wasser wie Donner rauschen. Tripitaka erschrak. „Schüler, was ist das wieder für ein Wassersound?“
Wukong lachte. „Meister, Ihr seid viel zu misstrauisch. Für einen Mönch ziemt sich das nicht.
Wir vier sind doch alle beisammen, und nur Ihr hört irgendein Wasserrauschen. Habt Ihr den Herzsutra wieder vergessen?“
Tripitaka sagte: „Der Herzsutra hat vierundfünfzig Sätze und zweihundertundsiebzig Zeichen. Er wurde vom Chan-Meister Wuchao auf dem Geierberg mündlich gelehrt. Ich habe ihn seitdem im Ohr und spreche ihn oft. Welchen Satz meinst du, den ich vergessen haben soll?“
Wukong sagte: „Meister, vergessen habt Ihr den Satz: ,kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, kein Körper, kein Geist.‘
Wir Ordinierten sollen nicht mit den Augen schauen, nicht mit den Ohren hören, nicht mit der Nase riechen, nicht mit der Zunge kosten, mit dem Körper weder Kälte noch Hitze merken und den Geist nicht mit falschen Gedanken füllen. So nennt man das Ausmerzen der sechs Diebe. Ihr aber sucht jetzt die Schriften und haltet den Gedanken ständig fest; ihr fürchtet Dämonen und wollt den Leib nicht preisgeben; ihr begehrt Fastenspeise und bewegt die Zunge; ihr liebt Duft und Süße und reizt die Nase; ihr hört Geräusche und spitzt die Ohren; ihr seht Dinge und starrt mit den Augen. So habt ihr die sechs Diebe vor die Tür geholt. Wie wollt ihr da bis zum Westhimmel gelangen und den Buddha sehen?“
Tripitaka schwieg darauf und sann still nach:
Seit ich vom Heiligen Herrscher Abschied nahm, eile ich Tag und Nacht in großer Emsigkeit.
Strohsandalen haben den Bergnebel durchlaufen, ein Bambushut hat die Wolken auf den Graten aufgestoßen.
Wenn nachts die Affen schreien, ist das bitter zu ertragen;
wenn der Mond scheint und die Vögel lärmen, ist es noch schwerer zu ertragen.
Wann wohl werde ich die dreimal drei Stufen vollenden
und aus der Hand des Tathagata die wunderbare Schrift empfangen?
Wukong hörte das und konnte nicht anders, als in die Hände zu klatschen und laut zu lachen. „Ach, der Meister ist nur vom Heimweh gequält. Wenn die dreimal drei Vollendung erreicht werden soll, warum sollte das schwer sein? Wie man sagt: ,Wenn die Arbeit zur Reife kommt, geschieht der Erfolg von selbst.‘“
Bajie drehte den Kopf. „Bruder, bei solch hohen und schlimmen Hindernissen wird man selbst nach tausend Jahren nicht fertig.“
Sha Wujing sagte: „Zweiter Bruder, wir beide haben ja denselben groben Mund und dieselbe stumpfe Zunge. Stachelt den großen Bruder nicht auf. Schleppt nur Last und Weg, und eines Tages wird es schon gelingen.“
Während sie sprachen, gingen ihre Füße ohne Unterlass weiter. Das Pferd trabte in schnellem Schritt, und vor ihnen sahen sie ein schwarzes Wasser, das bis an den Himmel reichte. Das Pferd konnte nicht weiter.
Die vier blieben am Ufer stehen und schauten genau hin. Was sie sahen, war dies:
Schicht auf Schicht dichter Wellen, Lage um Lage trüber Strömung.
Aus der Nähe spiegelt sich kein Mensch darin; von fern lässt sich kein Baum erkennen.
Es wälzt sich wie Tinte über den Boden, brandet wie grauer Rauch über tausend Li.
Schaum treibt heran wie Kohlenhaufen, Gischt steigt empor wie aufgewirbelte Kohle.
Kühe und Schafe trinken es nicht, Krähen und Elstern können nicht darüber fliegen.
Nur Schilf und Wasserlinsen am Ufer kennen die Jahreszeit,
und Gras und Blüten auf den Sandbänken wetteifern in seltsamem Grün.
Seen und Flüsse gibt es unter dem Himmel, Bäche und Sümpfe in der Welt zuhauf,
doch wer hat je einen Schwarzwasserfluss im westlichen Land der Menschen gesehen?
Tripitaka stieg ab und fragte: „Schüler, warum ist das Wasser so trüb und schwarz?“
Bajie sagte: „Irgendjemand muss einen Tintenbottich ausgeschüttet haben.“
Sha Wujing sagte: „Nein, jemand hat bloß Pinsel und Reibstein gewaschen.“
Wukong sagte: „Hört auf mit dem blinden Raten. Findet erst einen Weg, wie wir den Meister hinüberbringen.“
Bajie sagte: „Wenn Alter Schwein diesen Fluss überquert, ist das kein Problem. Ich könnte auf Wolken fliegen oder Wasser tragen. In einem Augenblick wäre ich drüben.“
Sha Wujing sagte: „Wenn ich müsste, würde ich ebenfalls einfach auf den Wolken reiten oder durchs Wasser gehen, und schon wäre es geschafft.“
Wukong sagte: „Für uns ist das leicht. Nur der Meister hat Schwierigkeiten.“
Tripitaka fragte: „Schüler, wie breit ist der Fluss?“
Bajie sagte: „Etwa zehn Li.“
Tripitaka sagte: „Überlegt euch untereinander, wer mich hinübertragen kann.“
Wukong sagte: „Bajie kann dich tragen.“
Bajie sagte: „Nicht leicht zu tragen. Wenn ich dich trüge und zugleich auf Wolken ritte, käme ich nicht einmal einen halben Meter hoch. Wie man sagt: ,Ein Sterblicher auf dem Rücken ist schwer wie ein Berg.‘ Wenn ich dich übers Wasser trüge, würde ich wohl selbst mit untergehen.“
Während die Schüler am Ufer noch berieten, kam von oben her ein kleines Boot mit einem Ruderer den Fluss hinab. Tripitaka freute sich. „Schüler, ein Boot kommt. Ruft ihn, damit er uns hinüberfährt.“
Sha Wujing rief laut: „Bootsmann, fahr uns rüber! Fahr uns rüber!“
Der Mann im Boot sagte: „Ich bin doch kein Fährboot. Wie sollte ich Leute übersetzen?“
Sha Wujing sagte: „Ob Himmel oder Erde, Bequemlichkeit steht an erster Stelle. Auch wenn Ihr kein Fährboot seid, wollen wir Euch nicht oft belästigen. Wir sind heilige Mönche aus dem östlichen Reich und ziehen im kaiserlichen Auftrag, um die Schriften zu holen. Seid bitte großzügig und bringt uns hinüber. Wir danken Euch.“
Der Mann hörte das und ruderte das Boot ans Ufer, lehnte sich auf das Ruder und sagte: „Meister, mein Boot ist klein, und ihr seid so viele. Wie könnte ich euch alle befördern?“
Tripitaka trat vor und sah, dass es nur ein aus Holz geschnittenes Boot war, in dessen Mitte sich nur eine kleine Kajüte befand, gerade genug für zwei Personen. „Was tun wir nun?“
Sha Wujing sagte: „Dann eben zweimal fahren.“
Bajie, immer bereit, sich selbst zu schonen, kam sogleich auf einen Einfall. „Wujing, du und der große Bruder bleibt hier und bewacht Gepäck und Pferde. Ich bringe zuerst den Meister hinüber und komme dann zurück, um das Pferd zu holen. Der große Bruder kann ja springen, wenn er will.“
Wukong nickte. „So soll es sein.“
Der Torene hob Tripitaka ins Boot. Der Bootsmann stieß ab, setzte das Ruder an und fuhr mit starker Strömung davon. Kaum waren sie in der Mitte, da krachte es mit einem Mal, Wellen rollten über den Himmel und verdeckten die Sonne. Ein wütender Wind erhob sich - wirklich ein gefährlicher Wind:
Eine Wolkenböe stieg auf, und der Mittelstrom türmte sich in schwarzen Schichten.
An beiden Ufern verdeckte fliegender Sand das Licht des Tages, und die Bäume stürzten mit lautem Krachen.
Er konnte Drachen im Fluss umwerfen und Meergeister aufwühlen; er konnte Erde und Staub verstreuen und Blumen und Bäume verwelken.
Er brauste wie Frühlingsdonner und heulte wie ein hungernder Tiger.
Krebse, Schildkröten, Fische und Garnelen verneigten sich gen oben; Vögel und wilde Tiere verloren Nester und Höhlen.
Die Bootsmänner der fünf Seen gerieten in Not, und die Haushalte der vier Meere konnten um ihr Leben nicht sicher sein.
Fischer im Bach konnten ihre Haken nicht halten, und Bootsleute auf dem Fluss ihre Staken nicht ruhig führen.
Dachziegel hoben sich, Ziegel flogen, Häuser stürzten ein; Himmel und Erde bebten, als schüttle sich der Tai-Berg.
Der Wind war in Wahrheit das Werk des Mannes im Boot. Er war das Ungeheuer des Schwarzwasserflusses. Mit einem Blick hatte er Tripitaka und Zhu Bajie ins Wasser gestürzt, Boot samt Leuten spurlos verschluckt. Niemand wusste, wohin er sie verschleppt hatte.
Am Ufer gerieten Sha Wujing und Wukong in Panik. „Was nun? Meister hat auf jedem Schritt Unheil. Kaum ist er einem Dämon entkommen, kommt schon die Schwarzwasser-Not über uns.“
Sha Wujing sagte: „Vielleicht ist das Boot gekentert. Lasst uns flussabwärts suchen.“
Wukong sagte: „Es war kein Kentern. Wäre das Boot umgeschlagen, könnte Bajie schwimmen und hätte den Meister gewiss geschützt und mit ihm aus dem Wasser getragen.
Als ich den Bootsführer eben sah, war an seinem Geist etwas nicht richtig. Er muss der gewesen sein, der den Wind gemacht und den Meister ins Wasser gezogen hat.“
Sha Wujing sagte: „Warum hast du das nicht früher gesagt? Du passt auf Pferd und Gepäck auf, während ich ins Wasser gehe und suche.“
Wukong sagte: „Das Wasser ist nicht sauber. Ich fürchte, du kannst dort nicht hinein.“
Sha Wujing sagte: „Wie soll es sich mit meinem Fließsandfluss vergleichen? Ich kann hinein, ich kann hinein.“
Der gute Mönch zog sein Obergewand aus, krempelte Ärmel und Hosenbeine hoch, griff den Dämonenbannstab und sprang mit einem Platschen ins Wasser. Er öffnete den Wasserweg und ging direkt durch die Wellen hinein. Als er schon unten lief, hörte er Stimmen. Er duckte sich zur Seite und sah genau hin. Dort drüben stand eine Terrasse mit Pavillon; über dem Tor hing eine Tafel mit acht großen Zeichen: „Wohnsitz des Schwarzwasserfluss-Gottes in Hengyang-Gorge“.
Dann hörte er den Unhold oben sitzen und sagen: „Die Mühe hat sich heute endlich gelohnt. Dieser Mönch ist ein guter Mensch, der sich durch zehn Leben hindurch kultiviert hat. Wenn ich nur ein Stück von seinem Fleisch esse, werde ich ein unsterblicher Mensch ohne Alter. Ich habe lange genug auf ihn gewartet. Heute werde ich meinen Vorsatz nicht enttäuschen.“
Er befahl: „Macht schnell das Eisenkäfig heraus, dämpft die beiden Mönche ganz und gar und schickt einen schriftlichen Gruß, um den zweiten Onkel einzuladen, damit wir ihm seine Geburtstagswärme bereiten.“
Als Sha Wujing das hörte, stieg ihm das Feuer ins Herz. Er zog den Stab und hämmerte auf das Tor ein. „Du elendes Ding, gib mir meinen Meister Tang und Bruder Bajie heraus!“
Die Unholde im Innern erschraken so sehr, dass sie eilends meldeten: „Es ist eine Katastrophe geschehen!“
Der alte Unhold fragte: „Welche Katastrophe?“
Der kleine Dämon sagte: „Draußen steht ein Mönch mit schwarzem Gesicht und bösem Unglücksausdruck. Er schlägt aufs Vordertor und beschimpft uns und fordert Leute!“
Der Unhold hörte das und ließ sofort seine Rüstung bringen. Die kleinen Dämonen trugen sie herbei. Der alte Unhold rüstete sich vollständig, nahm eine aus Bambussegmenten zusammengesetzte Stahlpeitsche in die Hand und kam aus dem Tor. Er war wahrhaft ein grausamer und giftiger Anblick.
Sieh nur:
Sein Gesicht war viereckig, die Augen rund und glänzten wie Wolkenfarben;
die Lippen rollten sich zurück, und der große Mund war rot wie ein Blutbecken.
Einige dünne eiserne Schnurrhaare hingen am Kinn, an den Schläfen stand zerzaustes rotes Haar.
Er sah aus wie ein leibhaftiger Verderbnisgott, wie ein zorniger Donnergott.
Er trug einen blitzenden Eisenpanzer und einen goldenen Helm, dicht mit Edelsteinen besetzt.
Eine Stahlpeitsche aus Bambussegmenten lag in seiner Hand und riss beim Gehen wilden Wind mit sich.
Geboren war er einst aus dem Wasser selbst, doch hatte er seine ursprüngliche Form abgelegt und war nun furchtbar geworden.
Wer seinen wahren Namen wissen will: einst nannte man ihn Schildkrötendrache.
Der Unhold schrie: „Wer schlägt hier an meinem Tor?“
Sha Wujing sagte: „Du unwissender Schurke! Wie wagst du es, dich mit Tricks in einen Bootsführer zu verwandeln und meinen Meister zu entführen? Gib ihn schnell zurück, und ich will dir das Leben schenken.“
Der Unhold lachte schallend. „Mönch, du kennst Leben und Tod nicht. Ich habe deinen Meister gefasst und will ihn nun dämpfen und Gäste zum Essen bitten. Komm herauf und miss dich mit mir. Wenn du mir drei Runden standhältst, gebe ich dir deinen Meister zurück. Wenn du keine drei Runden aushältst, dämpfe und fresse ich auch dich. Vom Westen zum Himmel brauchst du dann erst gar nicht mehr zu träumen.“
Sha Wujing geriet in Wut und holte mit dem Stab sofort aus. Der Unhold hob die Stahlpeitsche und empfing ihn mit offenem Visier.
Die beiden kämpften unter Wasser. Das war ein gutes Gemetzel:
Dämonenbannstab und Bambuspeitsche kreuzten sich, beide wetteiferten um die Führung.
Der eine war das tausendjährige Monster aus dem Schwarzwasserfluss,
der andere der alte Unsterbliche vom Himmelstor außerhalb der Nebelsaal-Halle.
Jener begehrte Tang-Sanzangs Fleisch, dieser schützte um des Tang-Mönchs Leben willen.
Beide stritten unten im Wasser, jeder wollte siegen und keiner nachgeben.
Garnelen und Fische schüttelten die Köpfe und duckten sich, Krebse und Schildkröten zogen die Köpfe ein.
Das ganze Heer der Flussgeister schlug Trommeln, und am Tor tobte Lärm und Aufruhr.
Wahrlich gut war der Mönch Sha Wujing,
allein stand er da und zeigte seine Kraft.
Er sprang durch die Wellen und wälzte die Gischt, ohne Sieg und ohne Niederlage;
Peitsche und Stab stießen aneinander, verstrickt und gebunden.
Alles drehte sich letztlich nur um den Tang-Mönch,
denn es ging darum, die wahren Schriften zu erringen und vor dem Buddha im Himmel zu knien.
Die beiden kämpften dreißig Runden, ohne dass einer die Oberhand gewann. Sha Wujing dachte bei sich: „Dieser Unhold ist mein Gegenüber. Ich kann hier vergeblich nicht siegen; ich will ihn lieber herauslocken, damit der Bruder ihn schlägt.“
Er ließ absichtlich den Schein einer Niederlage sehen, zog sich zurück und schleppte seinen Stab davon.
Der Unhold setzte nicht nach.
„Geh nur“, sagte er. „Ich will nicht mehr mit dir kämpfen. Ich gehe erst einen Einladungsschein schreiben und Gäste bitten.“
Sha Wujing sprang schnaubend aus dem Wasser und sagte zu Wukong: „Bruder, dieser Unhold ist unverschämt.“
Wukong fragte: „Du warst so lange unten. Was für ein Dämon war es? Hast du den Meister gefunden?“
Sha Wujing sagte: „Da drinnen steht eine Terrasse, und am Tor hängt der Schriftzug ,Wohnsitz des Schwarzwasserfluss-Gottes in Hengyang-Gorge‘. Ich duckte mich zur Seite und hörte ihn drinnen zu den kleinen Dämonen sagen, sie sollen den Eisenkäfig reinigen und Meister und Bajie ganz dämpfen, dann den zweiten Onkel einladen, um dessen Geburtstagswärme zu bereiten. Da stieg mir der Zorn auf und ich ging zum Tor und schlug darauf ein. Der Unhold kam mit einer Stahlpeitsche aus Bambussegmenten heraus, und wir kämpften so lange, ungefähr dreißig Runden, ohne Sieger. Ich tat so, als würde ich verlieren, um ihn herauszulocken, damit du eingreifen kannst. Der Unhold ist ausgesprochen listig; er jagte mir nicht nach, sondern ging nur wieder hinein, um die Gäste einzuladen. Deshalb kam ich herauf.“
Wukong fragte: „Was ist das für ein Unhold?“
Sha Wujing sagte: „Er sieht aus wie eine große Schildkröte. Nein, vielleicht ist er doch ein Schildkrötendrache.“
Wukong fragte: „Und wer ist sein zweiter Onkel?“
Noch ehe er den Satz beenden konnte, kam aus der unteren Flussbiegung ein alter Mann herauf, kniete in der Ferne nieder und rief: „Großer Weise, der Schwarzwasserfluss-Gott verbeugt sich.“
Wukong sagte: „Bist du nicht der Dämon, der das Boot gerudert hat, und bist wiedergekommen, um mich zu täuschen?“
Der Alte schlug mit dem Kopf auf den Boden und weinte. „Großer Weise, ich bin kein Dämon. Ich bin der wahre Flussgott dieses Flusses. Im vorigen Jahr, im fünften Monat, kam der Unhold mit der Springflut vom Westmeer hierher und kämpfte mit mir.
Ich bin alt und schwach und konnte ihm nicht standhalten. Er raubte den Wohnsitz des Schwarzwasserfluss-Gottes in Hengyang-Gorge und nahm ihn für sich ein. Außerdem verletzte er viele meiner Wasserleute. Ich hatte keine Wahl und ging ins Meer, um ihn anzuklagen.
Doch der Drachenkönig des Westmeers ist der Bruder seiner Mutter; darum nahm er meine Klage nicht an. Er hieß mich weichen und ließ ihn hier wohnen.
Ich wollte den Himmel anrufen, aber mein Rang war zu niedrig und mein Amt zu klein. Ich konnte den Jadekaiser nicht erreichen. Nun höre ich, dass der Große Weise hierher gekommen ist; deshalb bin ich eigens gekommen, um mich zu verbeugen und Schutz zu suchen. Ich bitte Euch inständig, habt Erbarmen und rächt mein Unrecht.“
Wukong hörte das und sagte: „So ist das also. Dann müsste der Drachenkönig des Westmeers ebenfalls Mitschuld tragen. Er hat jetzt meinen Meister und meinen Schüler gefasst und behauptet, er wolle sie dämpfen und seinen Onkel zum Geburtstagswärmen einladen. Ich wollte ihn ohnehin schon fassen, und nun ist es gut, dass du mich benachrichtigt hast. Flussgott, bleib hier bei Sha Wujing und halte Wache. Ich gehe zuerst ins Meer und fange den Drachenkönig; dann lasse ich ihn den Unhold greifen.“
Der Flussgott sagte: „Ich bin dem Großen Weisen tief dankbar.“
Wukong stieg sogleich auf eine Wolke und ging direkt zum Westmeer. Er vollführte den Salto, sprach das wasserabweisende Mantra und spaltete die Wellen. Gerade als er ging, begegnete er einem schwarzen Fischgeist, der einen goldenen Einladungskasten trug und vom Unterstrom wie ein Pfeil heraufschoss.
Wukong prallte mitten in ihn hinein und schlug ihm mit dem Eisenstab auf den Kopf. Das arme Geschöpf wurde so hart getroffen, dass das Gehirn hervorplatzte und die Backenknochen brachen. Mit einem Gurgeln trieb er an die Wasseroberfläche. Wukong öffnete den Kasten und sah darin eine Karte. Darauf stand:
„Eurem ehrwürdigen zweiten Onkel, dem Drachenkönig Ao, verbeuge ich mich hundertmal. Ich habe kürzlich zwei kostbare Gefangene erlangt, einen Mönch aus dem östlichen Land - ein wahres Wunder der Welt. Ich wage nicht, ihn allein zu nutzen. Da Euer hoher Geburtstag naht, habe ich eigens ein schlichtes Mahl bereitet, um Euch schon jetzt tausend Jahre Lebensdauer zu wünschen. Ich bitte Euch inständig, schnell herzukommen. Das wäre mir die größte Ehre.“
Wukong lachte. „Dieser Schurke hat gleich seine eigene Anklageschrift abgegeben.“
Er steckte die Karte in den Ärmel und ging weiter. Bald sah ihn ein nächtlicher Wasserspäher, eilte davon und stieß in den Kristallpalast: „Großkönig, der große Weise Sun ist gekommen!“
Der Drachenkönig Ao Shun führte sogleich die Wasserleute aus dem Palast und kam ihm entgegen. „Großer Weise, tretet bitte in meinen kleinen Palast und nehmt einen Augenblick Platz. Wir reichen Euch Tee.“
Wukong sagte: „Ich habe noch gar nicht von deinem Tee getrunken, und du hast schon meinen Wein getrunken!“
Der Drachenkönig lachte. „Der Große Weise hat sich längst in die Buddha-Pforte begeben und berührt weder Fleisch noch Wein. Wann hätte ich Euch je zum Wein eingeladen?“
Wukong sagte: „Ihr habt ihn vielleicht nicht getrunken, aber Ihr habt euch bereits die Schuld des Trinkens zugezogen.“
Ao Shun erschrak. „Wie sollte ich schuldig sein?“
Wukong holte die Einladung aus dem Ärmel und reichte sie ihm.
Als der Drachenkönig sie sah, entwich ihm fast die Seele. Hastig kniete er nieder und schlug mit dem Kopf auf den Boden. „Großer Weise, verzeiht mir. Der Kerl ist der neunte Sohn meiner Schwester. Weil mein Schwager Wind und Regen falsch führte und die Regenmenge kürzte, erging auf himmlische Anordnung ein Urteil, und Wei Zheng, der Minister der Menschenwelt, schlug ihn im Traum enthauptet. Meine Schwester hatte keinen Ort, an dem sie wohnen konnte, darum nahm ich ihn mit hierher und zog ihn selbst auf. Im vorigen Jahr starb meine Schwester leider an Krankheit; nur er hatte keinen Platz zum Leben. Deshalb schickte ich ihn ins Schwarzwasserflussgebiet, damit er seine Natur kultiviere und den Weg übe. Ich hätte nie gedacht, dass er so böse Verbrechen begehen würde. Ich werde sofort Leute schicken, um ihn zu fassen.“
Wukong fragte: „Wie viele würdige Söhne hat Eure Schwester? Und wo treiben sie alle ihr Unwesen?“
Der Drachenkönig sagte: „Meine Schwester hatte neun Söhne. Acht von ihnen sind alles gute Kerle. Der erste ist der Kleine Gelbe Drache und verwaltet heute den Huai-Fluss. Der zweite ist der Kleine Schwarze Drache und verwaltet den Ji-Fluss. Der dritte ist der Blau-Rücken-Drache und beherrscht den Jiang-Fluss. Der vierte ist der Rotbart-Drache und bewacht den He-Fluss. Der fünfte ist der Mühevolle Drache und schlägt die Glocke des Buddha. Der sechste ist der Standfeste-Biest-Drache und bewacht den First des göttlichen Palastes. Der siebte ist der Ehrfürchtige Drache und hält die himmeltragende Säule des Jadekaisers. Der achte ist der Nebel-Drache und hält sich bei unserem ältesten Bruder am Tai-Berg auf. Nur dieser neunte, der Schildkrötendrache, war jung und ohne Amt; erst im vergangenen Jahr wurde er nach Schwarzwasser geschickt, damit er seine Natur pflege, bis er sich einen Namen gemacht hätte und dann anderswohin versetzt würde. Wer hätte gedacht, dass er meinem Befehl nicht gehorcht und den Großen Weisen beleidigt?“
Wukong hörte das und lachte. „Wie viele Schwager hat denn Eure Schwester?“
Ao Shun sagte: „Sie hatte nur einen Schwager, den Drachenkönig des Jing-Flusses. Der wurde vor Jahren aus eben jenem Grund enthauptet. Meine Schwester blieb hier als Witwe und starb vor zwei Jahren ebenfalls an Krankheit.“
Wukong sagte: „Ein Mann und eine Frau, und doch gebar sie all diese seltsamen Nachkommen?“
Ao Shun sagte: „Genau das meint man mit dem alten Sprichwort: ,Ein Drache bringt neun Arten hervor, und jede Art ist anders.‘“
Wukong sagte: „Ich war eben sehr beunruhigt und wollte die Karte als Beweis benutzen und einen Bericht an den Himmel senden, um Euch der gemeinsamen Dämonerei und des Menschenraubs anzuklagen. Aber nach dem, was Ihr sagt, ist es dieser Kerl, der sich nicht an die Belehrung hielt. Ich verschone Euch diesmal, erstens wegen der Verwandtschaft in Eurer Familie, zweitens weil die Schuld im Wesentlichen den Jungen trifft und Ihr selbst von nichts wusstet. Schickt sofort Leute, um ihn zu fassen und meinen Meister zu retten. Dann regeln wir den Rest.“
Ao Shun rief sogleich seinen Kronprinzen Moang. „Schnell, führt fünfhundert starke Garnelen- und Fischsoldaten an und fangt den Schildkrötendrachen, damit er für seine Schuld Rechenschaft ablegt.“
Gleichzeitig ließ er Wein und ein Mahl bereiten, um sich beim Großen Weisen zu entschuldigen.
Wukong sagte: „Drachenkönig, macht Euch darum keine Sorgen. Da wir nun die Verzeihung ausgesprochen haben, genügt das. Wozu noch ein Fest? Ich muss jetzt mit Eurem Sohn gehen. Zum einen ist mein Meister in Not, zum anderen wartet mein Schüler auf mich.“
Der alte Drache konnte ihn nicht länger aufhalten. In diesem Moment brachte eine Drachenjungfrau Tee herbei. Wukong trank eine Schale duftenden Tees, nahm Abschied vom alten Drachen und zog mit Moang und den Soldaten davon, hinaus aus dem Westmeer. Nach kurzer Zeit waren sie wieder am Schwarzwasserfluss.
Wukong sagte: „Edler Kronprinz, fangt den Unhold gut. Ich gehe ans Ufer hinauf.“
Moang sagte: „Seid unbesorgt, Großer Weise. Mein kleiner Drachen-Sohn wird ihn zuerst zu Euch heraufbringen, ihn strafen und Euren Meister hinaufschicken. Erst dann wage ich, ihn ins Meer zurückzubringen und meinem Vater vorzuführen.“
Wukong verabschiedete sich freudig, sprach das wasserabweisende Mantra und sprang aus der Flut auf das östliche Ufer. Sha Wujing und der Flussgott kamen ihm entgegen.
„Bruder“, sagten sie, „du bist in der Luft weggegangen. Warum kommst du jetzt aus dem Fluss zurück?“
Wukong erzählte ausführlich davon, wie er den Fischgeist erschlagen, den Brief gefunden, den Drachenkönig ermittelt und den Prinzen mit dem Heer herbeigeführt hatte. Sha Wujing freute sich sehr, und die drei warteten am Ufer auf die Rückkehr des Meisters. Das braucht hier nicht weiter erzählt zu werden.
Nun sandte Kronprinz Moang seine gepanzerten Soldaten zuerst an das Tor des Wasserpalasts und ließ dem Unhold melden: „Der Kronprinz des alten Drachenkönigs des Westmeers, Moang, ist hier.“
Der Unhold saß gerade da und wurde bei dieser Meldung misstrauisch. „Ich habe einen schwarzen Fischgeist mit einem Einladungsschreiben zum zweiten Onkel geschickt. Jetzt ist schon lange Zeit vergangen, und es kommt keine Antwort. Wie kommt es, dass mein Onkel nicht selbst erschienen ist, sondern mein Vetter?“
In diesem Augenblick kam der Flussspäher zurück und meldete: „Großkönig, im Fluss westlich des Wasserpalasts ist eine Truppe Soldaten gelagert. Auf den Fahnen steht: ,Kronprinz des Westmeers Moang.‘“
Der Unhold sagte: „Dieser Vetter ist aber kühn. Vermutlich konnte der Onkel nicht kommen und hat ihn geschickt, um am Mahl teilzunehmen. Aber wenn er zu einem Fest kommt, warum bringt er Soldaten mit? Das ist nicht recht. Ich fürchte, es steckt etwas dahinter.
Kleine Leute, bringt meine Rüstung und die Stahlpeitsche herbei. Es könnte jederzeit ungemütlich werden. Ich gehe erst hinaus und empfange ihn. Sehen wir, was Sache ist.“
Die Dämonen nahmen den Befehl an. Einer nach dem anderen rieben sie Hände und Fäuste und machten sich bereit. Der Schildkrötendrache trat aus dem Tor und sah wahrhaftig ein Heer von Seesoldaten auf der rechten Seite lagern.
Sieh nur:
Fahnen des Feldzugs flatterten mit bestickten Bändern; gemalte Hellebarden standen wie Reihen von Morgenrot.
Kostbare Schwerter hielten ihren Glanz, lange Speere trugen Quasten wie Blumen.
Bögen waren wie schmale Monde gespannt, Pfeile standen dicht wie Wolfszähne.
Große Säbel schimmerten hell, kurze Knüppel waren hart und fest.
Wale, Schildkröten, Muscheln und Seezungen waren aufgestellt; Krebse, Schildkröten, Fische und Garnelen standen in geordneten Reihen.
Groß und klein waren sauber aufgereiht, die Waffen dicht wie Hanf.
Ohne den Befehl eines Feldherrn, wer würde da einfach loskriechen?
Der Schildkröten-Unhold sah das und ging direkt vor das Lagertor, rief mit lauter Stimme: „Großer Vetter, kleiner Bruder wartet hier und bittet zu kommen.“
Ein Patrouillen-Schneckenbote eilte sofort zum Zelt des Kommandanten und meldete: „Eure Hoheit, der Schildkrötendrache draußen ruft nach Euch.“
Der Kronprinz richtete den goldenen Helm, zog den Edelstein-Gürtel fest, nahm ein dreizackiges Brett in die Hand und schritt rasch aus dem Lager. „Du hast mich rufen lassen. Was willst du?“
Der Schildkrötendrache verbeugte sich und sagte: „Der kleine Bruder hat heute Morgen einen Einladungsbrief an unseren Onkel geschickt. Ich vermute, der Onkel hat mich beiseitegestellt und den Vetter geschickt. Da der Vetter zum Mahl gekommen ist, warum führt er so viele Soldaten mit sich? Warum geht er nicht in den Wasserpalast hinein? Warum lagert er hier draußen mit Wachen und Waffen?“
Der Kronprinz fragte: „Wozu hast du unseren Onkel eingeladen?“
Der Unhold sagte: „Der kleine Bruder lebt hier schon lange in Eurer Gnade und hat Eure ehrwürdige Erscheinung lange nicht gesehen. Gestern fing ich einen Mönch aus dem östlichen Land. Ich hörte, dass er aus zehn Leben kultiviert sei und dass man, wenn man ihn esse, das Leben verlängern könne. Ich wollte unseren Onkel bitten, ihn anzuschauen und ihn im Eisenkäfig dämpfen zu lassen, damit ich seinen Geburtstag erwärmen und Eure Jahre verlängern kann.“
Der Kronprinz schrie: „Du Narr! Weißt du überhaupt, was für ein Mönch er ist?“
Der Unhold sagte: „Er ist ein Mönch aus dem Tang-Reich, der nach Westen geht, um die Schriften zu holen.“
Der Kronprinz sagte: „Du weißt nur, dass er Tang-Sanzang ist, aber nicht, wie gefährlich seine Schüler sind.“
Der Unhold sagte: „Er hat einen langmäuligen Mönch namens Zhu Bajie, und ich habe auch ihn gefangen, also will ich ihn zusammen mit Tang-Sanzang dämpfen und essen. Er hat noch einen Schüler namens Sha-Mönch, einen schwarzen Kerl mit schwarzem Gesicht, der einen Koststab führt. Gestern kam er vor mein Tor und verlangte nach seinem Meister. Ich schickte die Flussleute aus und nahm ihn mit meiner Stahlpeitsche auf. Wir kämpften den ganzen Tag, ungefähr dreißig Runden, und ich sah nicht, dass er sonderlich gefährlich wäre.“
Der Kronprinz sagte: „Dann weißt du eben nicht genug. Er hat noch einen älteren Schüler, den Großen Weisen Gleich dem Himmel, einen höchsten Unsterblichen, der vor fünfhundert Jahren den Himmel in Aufruhr versetzte. Jetzt beschützt er Tang-Sanzang auf dem Weg gen Westen, um den Buddha zu verehren und die Schriften zu suchen. Es war die barmherzige Guanyin vom Putuo-Berg, die ihn zur Umkehr überredete und ihm den Namen Sun Wukong gab.
Wie kannst du nur so töricht sein und dir dieses Unheil auf den Hals laden? Er hat deinen Boten bereits in meinem Meeresreich getroffen, deinen Einladungsschein an sich genommen und ist direkt in den Kristallpalast eingedrungen. Er beschuldigt meinen Vater und mich, mit Dämonen verbündet zu sein und Menschen zu rauben. Schick Tang-Sanzang und Bajie sofort zurück ans Flussufer und gib sie dem Großen Weisen zurück. Wenn ich mit dir hingehe und mich entschuldige, kannst du vielleicht noch dein Leben behalten. Wenn du aber auch nur ein halbes ,Nein‘ sagst, träume nicht davon, hier ein ganzes Leben zu behalten.“
Der Schildkröten-Unhold geriet in heillosen Zorn. „Ich bin doch dein leiblicher Vetter, und du stellst dich auf die Seite Fremder.
Nach deiner Rechnung soll ich Tang-Sanzang einfach zurückschicken. Seit wann sind Dinge zwischen Himmel und Erde jemals so einfach? Wenn du ihn fürchtest, glaubst du etwa, ich fürchte ihn nicht? Wenn er wirklich etwas vermag, soll er sich wagen, an mein Wasser-Tor zu kommen und drei Runden mit mir zu kämpfen. Wenn er mich nicht besiegt, nehme ich auch ihn gefangen. Dann dämpfe ich ihn zusammen mit Tang-Sanzang, und niemand muss eingeladen werden. Ich schließe das Tor, lasse meine kleinen Leute singen und tanzen, und sitze oben ganz gemütlich. Was wäre daran falsch?“
Der Kronprinz geriet in Zorn und beschimpfte ihn. „Du dreckiger Bösewicht, du hast wahrlich keine Scham. Lass Sun Wukong nicht mit dir kämpfen - traust du dich etwa, mir gegenüberzustehen?“
Der Unhold sagte: „Wenn ich ein echter Mann sein will, wovor sollte ich mich dann fürchten?“
Er ließ die Rüstung holen. Sofort drängten sich die kleinen Dämonen zu beiden Seiten, reichten ihm die Rüstung und übergaben die Stahlpeitsche. Beide veränderten das Gesicht und zeigten ihren Heldenmut. Sie gaben das Zeichen, und die Trommeln rollten gemeinsam los.
Dieser Kampf war ganz anders als der mit Sha Wujing. Sieh nur:
Fahnen blitzten, Speere und Hellebarden schimmerten.
Diesseits zerfiel das Lager, jenseits öffnete sich das Tor.
Der Kronprinz trug das goldene Brett, der Schildkrötendrache schwang die Peitsche und parierte heftig.
Ein Kanonenschlag machte die Flusssoldaten wild, drei Trommelschläge machten die Seesoldaten toll.
Garnelen kämpften mit Garnelen, Krebse mit Krebsen.
Wale und Schildkröten verschlangen rote Karpfen, Schleien und Weißfische sprangen aus dem Wasser.
Haie und Meeräschen packten davonschwimmende Fische, Austern fingen verwirrt die Rasiermuscheln.
Feilemuscheln und Rasiermuscheln standen hart wie Eisenstäbe,
die himmelsverschlingenden Fische und Nadelfische blitzten wie Klingen.
Wolfsbarsche jagten weiße Aale, Meerbrassen fingen schwarze Brassen.
Eine Horde Flussgeister stritt um die Oberhand, zwei Linien von Drachenkriegern entschieden die stärkere Seite.
Langes Zeitgewoge, die Wellen rollten, der Kronprinz strahlte wie ein Vajra-Wächter.
Ein Ruf, und das goldene Brett fiel schwer von oben herab;
er packte den Unhold-Schildkrötendrachen und nahm ihn als Dämonenkönig gefangen.
Der Kronprinz ließ das dreizackige Brett kurz stocken und zeigte eine Lücke. Der Unhold, ohne zu merken, dass es eine Finte war, schlüpfte hinein. Da setzte der Prinz einen Hebelwurf an, schlug dem Unhold nur einmal mit dem Brett auf den rechten Arm und brachte ihn ins Taumeln. Er sprang vor, trat ihm noch einmal an die Beine, und der Unhold fiel zu Boden. Die Seesoldaten stürmten gemeinsam vor, packten ihn, banden ihm die Hände auf den Rücken, zogen Eisenketten durch die Schulterblätter und brachten ihn ans Ufer.
Vor Sun Wukong geführt, sagten sie: „Großer Weise, der kleine Drachenprinz hat den Schildkröten-Unhold gefangen. Bitte entscheidet selbst über ihn.“
Wukong und Sha Wujing sahen ihn an und sagten: „Du Schurke hast den Befehl deines Onkels missachtet. Dein Onkel hatte dich hier angesiedelt, damit du deine Natur pflegst und dein Dasein bewahrst, bis dein Name gemacht wäre und du anderswo eingesetzt werden könntest. Wie konntest du das Haus des Flussgottes gewaltsam an dich reißen, deine Macht zu Bösem missbrauchen, deine Vorgesetzten täuschen, unseren Meister und unseren Schüler belügen und all diese Tricks anwenden? Ich wollte dich mit diesem Stab schlagen, aber Old Suns Stab ist schwer. Ein leichter Hieb würde dir sofort das Leben nehmen. Wo hast du meinen Meister hingesteckt?“
Der Unhold verbeugte sich unaufhörlich. „Großer Weise, der kleine Schildkröterling kannte Euren ehrwürdigen Namen nicht. Gerade eben habe ich meinen Vetter beleidigt, weil ich eigensinnig und unvernünftig war; darum hat mich der Vetter gefasst. Jetzt, da ich den Großen Weisen sehe, bin ich glücklich, durch Eure Gnade nicht getötet worden. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Euer Meister ist noch immer zwischen den Mauern des Wasserpalasts gefangen. Bitte löst meine Eisenketten und befreit meine Hände, damit ich in den Fluss gehen und ihn herausbringen kann.“
Moang sagte von der Seite: „Großer Weise, dieser Kerl ist aufsässig und verschlagen. Wenn Ihr ihn freilasst, fürchte ich, dass er wieder böse Absichten fasst.“
Sha Wujing sagte: „Ich kenne den Ort genau. Lasst mich den Meister suchen.“
Die beiden sprangen ins Wasser und gingen direkt zum Tor des Wasserpalasts. Dort standen die Flügel offen, und kein einziger Soldat war mehr drinnen. Sie gingen direkt in den Pavillon und sahen, dass Tripitaka und Bajie dort nackt gefesselt waren.
Sha Wujing löste hastig die Fesseln seines Meisters, und auch der Flussgott befreite Bajie. Jeder nahm einen von ihnen auf den Rücken, und sie gingen aus dem Wasser ans Ufer. Als Bajie den gefesselten Unhold an der Seite sah, hob er sofort die Hacke und wollte zuschlagen und schimpfte: „Du böser Viehkerl! Wolltest du mich jetzt nicht fressen?“
Wukong hielt ihn fest. „Bruder, schenke ihm fürs Erste das Todesurteil. Sieh auf Aoshuns guten Vater-Sohn-Bund.“
Moang trat vor und verbeugte sich. „Großer Weise, der kleine Drachenprinz wagt nicht lange zu bleiben. Da ich Euren Meister retten konnte, bringe ich dieses Ungeheuer nun zu meinem Vater. Auch wenn Ihr ihn vom Tod verschont habt, wird mein Vater ihm gewiss die lebendige Strafe nicht ersparen. Er wird eine Entscheidung treffen und Euch dann zur Entschuldigung berichten.“
Wukong sagte: „Wenn das so ist, nehmt ihn mit. Richtet Eurem hochverehrten Vater viele Grüße aus; ich werde mich ihm ein andermal persönlich bedanken.“
Der Kronprinz nahm den Dämon in Gewahrsam, führte die Seesoldaten ins Westmeer zurück, und wir brauchen ihnen nicht weiter zu folgen.
Der Schwarzwasserfluss-Gott dankte Wukong immer wieder. „Ich bin dem Großen Weisen zu großem Dank verpflichtet, dass er meinen Wasserpalast wiederhergestellt hat.“
Tripitaka sagte: „Schüler, wir sind doch noch am Ostufer. Wie sollen wir jetzt über diesen Fluss kommen?“
Der Flussgott sagte: „Herr, sorgt euch nicht. Steigt bitte auf das Pferd; ich öffne den Weg und geleite Euch hinüber.“
Sobald der Meister auf das weiße Pferd stieg, nahm Bajie die Zügel, Sha Wujing trug das Gepäck, und Sun Wukong stand links und rechts bereit. Der Flussgott beschwor einen Zauber, der den Oberlauf zurückhielt. Im Nu trocknete der Unterlauf aus, und mitten durch den Fluss öffnete sich ein breiter Weg. Meister und Schüler gingen hinüber auf das Westufer, dankten dem Flussgott und stiegen die Klippe hinauf auf den Weg.
Genau das sagt das Gedicht:
Der Mönch wird gerettet und zieht gen Westen zum Grenzland;
durch den Schwarzwasserfluss schreitet er, und der Boden bleibt ohne Welle.
Wie sie schließlich doch noch den Buddha verehren und die Schriften suchen konnten, das soll im nächsten Kapitel erzählt werden.