Kapitel 23: Tang Sanzang vergisst seine Herkunft nicht; die Vier Heiligen prüfen das Herz der Meditation
Die Reise nach Westen, Kapitel 23: Tang Sanzang vergisst seine Herkunft nicht; die Vier Heiligen prüfen das Herz der Meditation. Auf dem Weg durch Herbstwind und Nacht werden die Reisenden an einem Hof auf Reichtum, Schönheit und Standhaftigkeit geprüft.
Dem heiligen Weg gen Westen folgend, war die Straße lang und weit. Der Herbstwind wehte, und die Blüten des Frostes fielen. Der kluge Affe sollte fest gebunden bleiben, der störrische Gaul nicht noch mit der Peitsche gereizt werden. Holz und Metall gehören von Natur aus zusammen, und die gelbe Mutter ist mit dem roten Kind ohnehin nicht verschieden.
Wenn man die eiserne Kugel aufbeißt, wird die wahre Nachricht sichtbar:
Dann erreicht Prajñā das andere Ufer.
Dieses Kapitel erzählt davon, dass der Weg des Schriftenholens den Weg der eigenen Mitte nicht verlassen darf. Als die vier Reisenden die Wahrheit erkannt hatten, sprangen sie aus den Staubketten heraus und ritten ohne Last direkt gen Westen. Sie sahen grüne Berge, klares Wasser, wilde Gräser und einsame Blumen.
Auch die Zeit verging rasch. Es war wieder der neunte Herbst, und man sah:
Der Ahorn färbt die Berge rot, gelbe Blüten trotzen dem Abendwind. Alte Zikaden singen träge, und die Grillen sorgen sich endlos. Lotusblätter reißen wie ein zerborstener Fächer aus grünem Seidentuch, der Duft der Orangen steigt aus goldenen Früchten auf. Armes paarweise ziehendes Wildgänsegeschwader, dessen Punkte sich fern in den Himmel ordnen.
Als es schon Abend wurde, fragte Tang Sanzang: „Schüler, wohin sollen wir heute zur Ruhe gehen?“ Xingzhe erwiderte: „Meister, Ihr sagt das falsch. Ordensleute essen Wind und schlafen auf dem Wasser, ruhen im Mondlicht und schlafen im Frost; überall ist ihre Heimat. Warum also fragen, wo wir übernachten?“ Bajie murrte: „Großer Bruder, du gehst leicht, wie sollst du da wissen, wie andere unter der Last zusammenbrechen? Seit dem Sandfluss sind wir nur noch Berge hinauf und Täler hinab gelaufen. Das Gepäck auf der Schulter ist wirklich schwer zu ertragen. Wir müssen ein Haus suchen, etwas Tee und Essen erbitten und unsere Kräfte sammeln; das ist doch vernünftig.“ Xingzhe tadelte ihn: „Du klingst, als würdest du dich beklagen. So bequem wie in Gao-Lao-Zhuang kannst du nun nicht mehr leben. Wer ein wahrer Mönch sein will, muss Bitterkeit essen und Mühe tragen.“
Bajie fragte weiter nach dem Gewicht des Gepäcks. Xingzhe sagte nur, seit sie mit Sha Seng unterwegs seien, habe er es nicht mehr getragen. Bajie zählte alles auf: gelbe Rattanstreifen, Schnüre, Reisetaschen, Tragstange, die mit Kupfer und Eisen beschlagene Neun-Ring-Stange, den großen Umhang aus Bast. Bei so viel Gepäck, klagte er, müsse doch immer er der Lastknecht spielen. Xingzhe lachte nur und erinnerte ihn daran, dass er selbst doch für Pferd und Gepäck zuständig sei.
Dann erklärte Xingzhe, das Pferd des Meisters sei kein gewöhnliches Pferd, sondern der dritte Sohn des Drachenkönigs Ao Run aus dem Westmeer, der wegen eines Fehlers im Palast in Ungnade gefallen sei, bis ihn Guanyin gerettet und in dieses Pferd verwandelt habe. Das sei jedermanns eigenes Verdienst, und Bajie solle das Pferd nicht unterschätzen. Als Bajie fragte, warum es dann so langsam gehe, ließ Xingzhe den goldenen Ringstab ein wenig aufleuchten, und das Pferd sprang erschrocken davon, als hätte es Flügel. Der Meister musste ihm hinterher, und sie gerieten schließlich auf einen Bergkamm, wo ein Hof im Kiefernwald lag.
Der Ort sah so aus:
Vor dem Tor hängen Zypressen, das Gehöft liegt dicht am Berg. Kiefern ragen auf, Bambus wächst in Scharen. Wilde Chrysanthemen sind frostklar, Orchideen spiegeln sich rot am Bach. Mauern aus weißem Lehm, Ziegel als Umfriedung. Der große Saal ist prächtig, die Gebäude still und sauber. Kein Huhn, kein Hund, kein Rind, kein Schaf - wohl weil die Erntezeit frei machte.
Als Tang Sanzang abstieg, trat ihm eine Frau mittleren Alters entgegen. Sie war gütig und höflich und bat die vier Reisenden in ihr Haus. Bajie blinzelte heimlich und sah ihre Tracht: eine türkisgrüne Jacke, hellroter Überwurf, gelber Rock, hohe Blumenschuhe, glänzender Haarknoten, Kamm aus Elfenbein, Perlenohrringe und ein Gesicht voller natürlicher Schönheit. Er war sofort fasziniert.
Im Haus erzählte die Frau ihre Lage: Sie sei Witwe, hieße mit Nachnamen Jia, ihr verstorbener Mann Mo, sie besäßen Felder, Stallungen, Vieh und Vorräte in Hülle und Fülle, hätten drei Töchter und keinen Sohn. Darum suche sie für sich und ihre Töchter einen Schwiegersohn auf dem Berg. Sie lobte das häusliche Leben, den Reichtum, die Speisen, die Kleider und die Wärme eines festen Heims. Tang Sanzang blieb stumm und tat, als höre er nichts. Doch Bajie konnte nicht stillsitzen.
Tang Sanzang erklärte dann, warum das Ordensleben wertvoll sei: Der Mönchsweg bedeute, das alte Haus der Begierde zu zerbrechen, das Herz zu reinigen und am Ende mit klarem Geist heimzukehren. Die Frau wurde zornig und schalt ihn frech. Als sie sah, dass die drei Schüler nicht einlenkten, zog sie sich zurück und verschloss die Hintertür. Draußen blieb die Gruppe ohne Tee und Essen sitzen.
Bajie war verärgert, dass der Meister das Gespräch zu hart abgebrochen hatte. Xingzhe sagte ihm, man könne es auch anders sehen: Die Frau habe doch nur versucht, sie einzuladen. Bajie solle das Pferd ausführen. Also führte er es zum Hintertor. Dort stand die Frau wieder mit ihren drei Töchtern - Zhenzhen, Aiai und Lianlian - im Hof, und Bajie geriet beim Anblick der drei jungen Frauen fast außer sich.
Die Frau sprach mit ihm weiter und fragte, ob er bei ihnen einheiraten wolle. Bajie zog sich nicht länger zurück und prahlte sogar mit seinen Fähigkeiten:
Auch wenn mein Gesicht hässlich ist, bin ich fleißig und nützlich. Sprichst du von tausend Morgen Land, brauche ich keinen Ochsen. Ein Hieb mit der Harke genügt, und die Saat wächst rechtzeitig. Regnet es nicht, kann ich Regen bestellen. Weht kein Wind, kann ich Wind rufen. Ist das Haus zu niedrig, setze ich zwei, drei Stockwerke darauf. Den Boden fege ich sauber, bis die Rinne wieder fließt. Alles, was ein Hausherr braucht, groß oder klein, selbst Himmel treten und Brunnen rühren, das kann ich.
Die Frau sagte schließlich, er solle erst noch mit seinem Meister beraten. Bajie tat so, als brauche er keine Beratung, denn ob er gehe oder bleibe, liege allein bei ihm. Die Frau zog sich ins Innere zurück.
Doch Sun Wukong hatte längst alles gesehen. Er meldete dem Meister, was Bajie getrieben hatte, und erzählte die ganze Sache schmunzelnd nach. Tang Sanzang glaubte ihm halb und zweifelte halb. Als Bajie zurückkam und das Pferd anbinden wollte, fragte der Meister erneut, ob er das Pferd habe grasen lassen. Bajie behauptete, es habe kein gutes Gras gegeben. Xingzhe fragte spöttisch, ob es denn überhaupt einen Platz zum Führen gegeben habe. Da merkte Bajie, dass alles aufgeflogen war, und schwieg beschämt.
In diesem Moment öffnete sich die Hintertür erneut. Zwei rote Lampen, Weihrauchduft und klingende Schmuckgürtel kamen heraus, und die Frau trat mit ihren drei Töchtern hervor. Die Mädchen waren von außergewöhnlicher Schönheit:
Ihre Brauen waren wie grüne Zweige, ihr Puderantlitz war frühlingshaft. Ihr Liebreiz hätte ein Land umwerfen können, ihre schlanken Körper rührten das Herz. Blumenornamente zeigten ihre holden Bewegungen, bestickte Bänder flatterten weit vom Staub entfernt. Halb lächelnd öffneten sich ihre Kirschenlippen, beim langsamen Gehen strömten Orchideen- und Moschusduft. Am Kopf glänzten Perlen und Jade, unzählige Haarnadeln zitterten. Der ganze Leib duftete fein und weich, als trüge er Goldfäden und Blumen. Was sind die schönen Frauen von Chu oder Xi Shi dagegen? Es waren wahrhaft Himmelsjungfrauen, die vom neunten Himmel herabgestiegen waren, Chang'e selbst aus dem Mondpalast.
Tang Sanzang faltete die Hände und senkte den Kopf, Xingzhe tat, als sähe er nichts, und Sha Seng wandte sich ab. Nur Bajie starrte wie erstarrt. Die Frau fragte, ob einer von ihnen ihre jüngste Tochter heiraten wolle. Sha Seng sagte, man habe bereits entschieden, dass Herr Zhu der Schwiegersohn werde. Bajie sträubte sich zunächst, doch Xingzhe schob ihn unbarmherzig weiter in die Falle und versprach, ihn nicht zu verraten.
Bajie jammerte noch eine Weile, bis er schließlich nachgab. Die Frau zog den Schirm zurück, holte die drei Töchter hervor und ließ sie die Gäste begrüßen. Bajie verlor vollends den Verstand. Die Frauen spielten weiter mit seiner Eitelkeit, und die Sache endete damit, dass er in ihrer Phantasie schon als Schwiegersohn galt. Doch als er die junge Frau hinter dem Schirm wieder aus dem Blick verlor, merkte er, wie ihm die Sache entglitt, und wurde wieder ruhelos.
Am Morgen trieb die Frau die Schar erneut mit höflichen Worten in die Halle und ließ die Töchter die Reisenden begrüßen. Tang Sanzang blieb standhaft, Xingzhe verhielt sich kalt, Sha Seng drehte sich um - nur Bajie konnte den Blick nicht abwenden. Schließlich versuchte er mit allen Kräften zu prahlen, wiederholte seine Hausmannskünste und wollte um jeden Preis den Hof gewinnen. Doch immer wieder zog ihn die Scham zurück.
Dann, in der Nacht, als der Mond aufging, verwandelte sich alles. Die Frau und die Töchter waren plötzlich verschwunden; der Hof war nichts als ein Hain aus Kiefern und Zypressen. Der Meister erwachte und rief verwirrt nach Xingzhe. Sha Seng sagte, sie müssten auf einen Geist hereingefallen sein. Am Baum hing ein Zettel mit acht Versen:
Die alte Mutter vom Lishan denkt nicht an die Menschenwelt, die Bodhisattva des Südmeers rief sie vom Berg herab. Puxian und Wenshu waren nur zu Gast, und verwandelten sich im Wald in schöne Frauen. Der heilige Mönch besitzt Tugend und hat noch keinen weltlichen Sinn, doch Bajie hat keine Meditation und trägt dennoch die menschliche Seite. Von nun an musst du dein Herz beruhigen und dich bessern, sonst wird der Weg nach Westen nur schwer.
Während Tang Sanzang, Xingzhe und Sha Seng diesen Spruch lasen, hörten sie tief im Wald einen klagenden Ruf: Bajie schrie, er sei fest eingeschnürt und solle gerettet werden. Tang Sanzang fragte, ob das Wuneng sei. Es war tatsächlich er. Der Meister wollte zunächst zurück, doch Xingzhe meinte kühl, man müsse ihn erst einmal bitten lassen. Tang Sanzang erinnerte daran, dass Bajie zwar töricht, aber doch kräftig sei und das Gepäck trage. Außerdem sei es Guanyins Plan gewesen, ihn zu retten. So entschied man, den Narren doch wieder mitzunehmen.
Die drei packten zusammen, zogen mit dem Pferd in den Wald und fanden schließlich den gefesselten Bajie. Das ist der Punkt, an dem klar wird: Wer auf dem Weg zur Wahrheit steht, muss sein Herz bewahren und die Begierde abschütteln. Was aus dem Tölpel wurde, wie er leiden musste und ob er am Ende heil blieb, das hört man erst im nächsten Kapitel.