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Kapitel 11: Taizong wandert durch die Unterwelt und kehrt ins Leben zurück, Liu Quan bringt Früchte dar und erneuert seine Ehe

Schachbrett als Erde, die Steine als Himmel, die Farben ordnen sich der Wandlung von Yin und Yang. Erst in den Tiefen des Geheimen wird sichtbar, wie die alten Weisen lachend vom verwitterten Stumpf erzählten.

Die Reise nach Westen Kapitel 11 Kapitel

Das Gedicht sagt:

Hundert Jahre sind wie Wasser, das davoneilt, das Lebenswerk gleicht flüchtigem Schaum. Gestern war das Gesicht noch wie Pfirsichblüte, heute treiben am Kopf schon Schneehaare. Erst wenn die weißen Ameisenarmeen zerfallen, erkennt man die Täuschung, und wenn der Kuckucksruf dringend klingt, ist es höchste Zeit, sich umzuwenden. Seit alters her verlängert stille Tugend das Leben; wer das Gute tut, braucht keine Bitte an den Himmel.

Taizong war nun in einem Nebel aus Helligkeit und Ferne; seine Seele trat vor dem Fünf-Phönix-Tor hervor. Da sah er die kaiserliche Leibgarde und die Pferde des Hofes, die den Wagen begleiteten und den Herrscher zu einer Jagd aus dem Palast geleiten wollten. Taizong folgte ihnen erfreut und driftete mit ihnen davon. Doch als er schon eine Weile gegangen war, waren weder Mensch noch Pferd noch Reiter noch Gefolge zu sehen.

So ging er allein und ziellos über wildes Grasland am Rand der Ödnis. Gerade als ihn Angst und Verwirrung ergriffen und er keinen Weg fand, rief plötzlich jemand von der Seite laut: „Kaiser von Tang, hierher, hierher!“ Taizong hob den Kopf und sah einen Mann:

Auf dem Kopf saß eine schwarze Gazehaube, um die Hüften trug er ein Nashornhorn. Die Haube hing weich herab, das Horn schimmerte in goldener Fassung. In den Händen hielt er einen Elfenbeinschild mit Amtsschrift, um den ein heiliges, freundliches Dämmern lag. Das Gewand aus Seide ließ ein glückverheißendes Licht durchscheinen. An den Füßen trug er ein Paar Schuhe mit hellem Sohlenleder, als könnte er Wolken und Nebel aufscheuchen. An der Brust hing ihm ein Buch über Leben und Tod, in dem Verbleib und Untergang schon vermerkt waren. Das Haar hing zerzaust über die Ohren, der Bart wehte um die Wangen. Einst war er Kanzler von Tang gewesen, jetzt verwaltete er am Tisch der Unterwelt die Geschäfte des Yama.

Taizong ging zu ihm hinüber, und der Mann fiel am Wegesrand nieder und sagte: „Eure Majestät, verzeiht mir die Pflichtverletzung, dass ich Euch nicht weiter entgegengeeilt bin.“

Taizong fragte: „Wer seid Ihr? Und warum kommt Ihr her, um mich zu empfangen?“

Der Mann antwortete: „Euer Diener sah vor einem halben Monat in der Halle der zehntausend Schatten, wie der Drache des Jing-Flusses Eure Majestät wegen des verheißenen, dann aber wieder verweigerten Beistands verklagte. Daraufhin schickte der erste König Qin Guang Geisterboten aus, um Eure Majestät vorzuladen und die Sache der drei Reiche vor den Richtertisch zu bringen. Da ich davon wusste, wartete ich hier auf Euch. Ich kam zu spät, bitte um Vergebung, um Vergebung.“

Taizong sagte: „Wie heißt Ihr, und welches Amt bekleidet Ihr?“

„Euer Diener lebte einst im Sonnenreich und diente dem seligen Herrscher als Kreisbeamter von Zizhou, später wurde ich als stellvertretender Minister für Zeremonien berufen; mein Familienname ist Cui, mein Vorname Jue. Jetzt bin ich im Schattenreich als Richter der Kanzlei von Fengdu eingesetzt.“

Taizong war hocherfreut und stützte ihn hastig mit eigener Hand. „Ihr habt Euch weit bemüht. An meinem Hof ist ein Brief von Wei Zheng für Euch niedergelegt, genau an Euch gerichtet, und nun begegnen wir einander gerade recht.“

Der Richter dankte und fragte, wo der Brief sei. Taizong holte ihn aus dem Ärmel und reichte ihn hin. Cui Jue empfing den Brief ehrerbietig, öffnete ihn und las. Er lautete:

Euer ergebener Bruder Wei Zheng verneigt sich tief und schreibt an den hochgeehrten Herrn Cui, den alten Herrn der großen Kanzlei. Wenn ich an die früheren Tage unseres Verkehrs denke, ist mir Eure Stimme und Euer Antlitz, als stünden sie noch vor mir. So sind etliche Jahre vergangen, und ich habe nichts mehr von Eurer reinen Unterweisung vernommen. Nur zu den Festtagen stelle ich Gemüse und Opfergaben auf, um Euch zu verehren, und weiß nicht, ob Ihr sie annehmt. Auch habt Ihr mich nicht verschmäht, sondern seid mir im Traum erschienen; da erst erfuhr ich, dass mein älterer Bruder hoch versetzt worden ist. Doch was hilft es, dass Yin und Yang getrennt sind? Himmel und Erde liegen auseinander, und wir können einander nicht von Angesicht zu Angesicht sehen. Nun ist unser Herr, der hochmögende Kaiser Wen von Tang, plötzlich verschieden; ich vermute, er muss vor den drei Richtern zur Sache treten und wird gewiss mit Eurem erlauchten Bruder zusammenkommen. Ich bitte Euch inständig, unserer alten Freundschaft wegen Rücksicht walten zu lassen und Seine Majestät nach Yang zurückkehren zu lassen. Das wäre mir eine überaus große Gunst. Ich werde Euch später noch gesondert danken. Mehr vermag ich nicht auszuführen.

Als der Richter den Brief gelesen hatte, war er von Herzen erfreut und sagte: „Den Traum des königlichen Beamten, wie er den alten Drachen enthauptete, wusste ich schon vorher, und ich habe es sehr gepriesen. Dazu hat er sich bis heute um meine Söhne und Enkel gekümmert. Da nun ein Brief von ihm gekommen ist, kann Eure Majestät beruhigt sein. Euer Diener wird Euch sicher ins Leben zurückgeleiten, damit Ihr wieder die Jadehallen betreten könnt.“

Taizong dankte ihm. Gerade als die beiden noch redeten, erschienen auf der Seite zwei Knaben in blauer Kleidung mit Fahnen und Baldachinen und riefen: „Der Yama-König bittet Euch, er bittet Euch!“

Taizong ging also mit dem Richter Cui und den beiden Knaben weiter. Bald sah er eine Stadt, über deren Tor ein großes Schild hing, auf dem in goldenen Lettern stand: „Tor der Geister zur Hölle des Jenseits“. Die Knaben schwenkten die Fahnen und führten Taizong geradewegs in die Stadt. Sie gingen die Straße entlang und sahen am Rand der Straße Taizongs verstorbenen Vater Li Yuan, seinen älteren Bruder Jiancheng und seinen jüngeren Bruder Yuanji. Sie traten vor und riefen: „Shimin ist gekommen, Shimin ist gekommen!“ Jiancheng und Yuanji stürzten sich zum Raufen und forderten sein Leben ein. Taizong konnte nicht mehr ausweichen und wurde von ihnen gepackt. Zum Glück rief Richter Cui einen Geisterboten mit blauem Gesicht und Reißzähnen herbei, der Jiancheng und Yuanji zurücktrieb; erst dann konnte Taizong sich befreien und weitergehen.

Nach wenigen Li sah er einen Palast aus blauen Ziegeln und Hallen, wahrhaft großartig anzusehen.

In schwebenden Lagen türmen sich bunte Wolken, darin schimmern unzählige rote Nebel. Hell ragen an den Dachkanten seltsame Tierköpfe, strahlend liegen die fünfgeschichteten Schwalbenmuster. In den Türen stecken Reihen roter Goldnägel, die Schwellen sind mit weißen Jadeblöcken gefasst. In den Fenstern glimmt das Licht wie Morgennebel, in den Vorhängen flackert rotes Feuer. Hoch ragen die Hallen bis an den grünen Himmel, die Korridore liegen in Reih und Glied wie ein Edelhof. In den Tierkesseln steigt Duftwolken auf, die kaiserlichen Gewänder streifen daran vorbei. Links stampfen mächtige Rinderköpfe, rechts stehen Rossgesichter in strenger Ordnung. Sie empfangen die Toten, geleiten die Geister, drehen goldene Tafeln, rufen die Seelen und hängen weiße Seidenbänder auf. Dies ist das Tor der großen Versammlung der Unterwelt, der Palast des Yama in der unteren Welt.

Taizong schaute noch von außen, da hörte er schon die Glöckchen und Jadenarren klingeln, roch seltsamen heiligen Duft und sah zwei Paar Fackelträger. Dann traten die zehn Könige der Unterwelt die Stufen hinab auf ihn zu: Qin Guang, Chu Jiang, Song Di, Wu Guan, Yama, Pingdeng, Taishan, Dushi, Biancheng und Zhuanlun. Die zehn Könige kamen aus der Halle von Senluo, beugten die Körper und begrüßten Taizong. Taizong senkte sich tief und wagte nicht voranzugehen.

Die Könige sagten: „Eure Majestät ist der Menschenkönig der Yang-Welt, wir sind die Geisterkönige der Schattenwelt. Das ist nur die natürliche Ordnung, warum also so viel Höflichkeit?“

Taizong erwiderte: „Ich habe mich vor Eurer Hoheit vergangen, wie sollte ich da zwischen Menschen und Geistern unterscheiden?“ Und er wich immer wieder zurück. Schließlich ging er voran und trat in die Senluo-Halle, verneigte sich dort mit den zehn Königen und setzte sich nach Rang und Ehrenplatz.

Nach einer Weile trat Qin Guang vor und sagte: „Der Drachengeist des Jing-Flusses verklagte Eure Majestät, weil Ihr Rettung versprachst und ihn dann doch hinrichten ließet. Wie ist das geschehen?“

Taizong antwortete: „Ich träumte nachts von dem alten Drachen, der um Hilfe bat, und ich versprach ihm tatsächlich, ihn nicht zu töten. Unverhofft hatte er aber ein Verbrechen begangen und musste bestraft werden; da traf ihn mein Beamter Wei Zheng. Ich ließ Wei Zheng in der Halle Schach spielen, doch ohne mein Wissen schlug er ihn im Traum enthauptet.

Das war doch das Werk des Beamten aus dem Menschenreich, der seine wunderbare Kunst entfaltet hat, und zugleich hatte der Drachenkönig das Verbrechen begangen, das den Tod verlangte. Wie sollte das meine Schuld sein?“

Die zehn Könige hörten das und verneigten sich: „Noch ehe jener Drache geboren wurde, stand in den Todesregistern des Sterns des Südens bereits geschrieben, dass er durch die Hand eines Menschen sterben sollte. Das war uns längst bekannt. Doch er stritt hier weiter und bestand darauf, Eure Majestät persönlich herkommen zu lassen, damit die Sache vor den drei Richtern geklärt werde. Wir haben ihn daraufhin ins Rad der Wiedergeburt geschickt.

Nun ist auch Eure Majestät auf Besuch hier; bitte verzeiht uns die Ungeduld.“

Kaum hatten sie das gesagt, befahlen sie dem Richter der Lebens- und Todesbücher, schleunigst die Register zu holen und nachzusehen, wie viele Jahre himmlischer Lebensspanne und irdischen Glücks Taizong noch zustanden. Richter Cui ging eilig in seine Amtsstube zurück und holte das große Hauptregister der himmlischen Lose aller Könige und Länder der Welt hervor. Er blätterte zuerst nach Süden: Für den Kaiser von Tang aus dem Südlichen Jambudvipa stand dort nur das dreizehnte Jahr der Zhenguan-Ära vermerkt.

Cui Jue erschrak, tauchte den großen Schreibpinsel in dicke schwarze Tinte und fügte auf dem Strich der „eins“ zwei weitere Striche hinzu; dann reichte er das Register ein. Die zehn Könige sahen es von oben bis unten an und fanden unter Taizongs Namen nun dreiunddreißig Jahre vermerkt. Der Yama-König fragte verwundert: „Wie viele Jahre herrscht Eure Majestät bereits?“

Taizong antwortete: „Ich sitze seit dreizehn Jahren auf dem Thron.“

Der Yama-König sagte: „Seid ohne Sorge. Euch bleiben noch zwanzig Jahre Leben. Damit ist die Sache vor den drei Richtern nun klar; bitte kehrt zu Eurem Ursprung zurück und lebt wieder unter den Lebenden.“

Taizong dankte tief. Die zehn Yama-Könige beauftragten nun Cui Jue und den Justizbeamten Zhu Taiwei, Taizong wieder zurückzubringen.

Als Taizong aus der Senluo-Halle trat, fragte er die zehn Könige: „Wie steht es um die Alten und Jungen in meinem Palast?“

Die Könige antworteten: „Alle sind wohlauf, doch wir fürchten um die Lebensspanne Eurer kaiserlichen Schwester, sie ist kurz.“

Taizong verneigte sich erneut und sagte: „Wenn ich in die Welt der Lebenden zurückkehre, habe ich nichts, womit ich danken könnte, außer Kürbissen und Früchten.“

Die Könige freuten sich: „Bei uns gibt es reichlich Wintermelonen und Wassermelonen, nur Kürbisse fehlen.“

Taizong sagte: „Wenn ich zurückkomme, werde ich sie bringen, sicher bringen.“ Darauf trennten sie sich mit Verbeugungen.

Der Taiwei trug eine Fahne zur Seelenführung voran und geleitete Taizong. Cui Jue folgte und schützte ihn, bis sie aus dem Schattenreich herauskamen. Taizong sah sich um und merkte, dass dies nicht der alte Weg war, und fragte: „Ist dieser Weg nicht falsch?“

Cui Jue sagte: „Nein. Im Schattenreich ist es so: Es gibt nur einen Hinweg, keinen Rückweg. Jetzt bringen wir Eure Majestät aus dem Rad der Wiedergeburt hinaus, einmal um Euch die Unterwelt zu zeigen und zum anderen, damit Ihr in einem anderen Leibe wiedergeboren werdet.“

Taizong musste den beiden folgen. Sie gingen einige Li weiter und sahen plötzlich einen hohen Berg, dessen Schattenwolken bis zur Erde hingen und dessen schwarze Dämpfe den Himmel verdunkelten. Taizong fragte: „Herr Cui, was ist das für ein Berg?“

Der Richter sagte: „Das ist der Berg Yinshan hinter dem Jenseits.“

Taizong erschrak: „Wie sollte ich da hinüberkommen?“

„Seid unbesorgt, Eure Majestät, wir führen Euch.“

Tremend zitternd folgte Taizong den beiden auf die Felsstufen hinauf. Als er aufblickte, sah er:

Der Berg war voller Einbuchtungen und Vorsprünge, das Gelände noch steiler und unwegsamer. Er war hoch wie die Berge von Shu und schroff wie die Felsen von Lu. Das war kein berühmter Berg der Yang-Welt, sondern wahrhaft ein gefährlicher Ort des Schattenreichs. In den Dorngebüschen verborgen lagen Geister und Unwesen, an den Felsen lauerten dämonische Wesen. In den Ohren war kein Tier- oder Vogellärm zu hören, vor den Augen sah man nur Gespenster und Ungeheuer. Der Wind des Jenseits pfiff, die schwarze Nebeldecke wogte. Der Jenseitswind war Rauch, den göttliche Soldaten aus dem Mund bliesen; der schwarze Nebel war Atem, den Geister aus der Dunkelheit ausstießen. Wohin man blickte, gab es weder oben noch unten schöne Aussicht, überall sah man nur Unheil. Es gab dort Berge, Gipfel, Hänge, Höhlen und Schluchten, doch auf dem Berg wuchs kein Gras, der Gipfel reichte nicht an den Himmel, der Hang bot dem Wanderer keinen Halt, die Höhle nahm keine Wolken auf, die Schlucht führte kein Wasser. Vor den Klippen standen nur Kobolde, am Berghang tummelten sich Dämonen, in den Höhlen lagerten Wildgeister, auf dem Grund der Schluchten verbargen sich böse Seelen. Vor und hinter dem Berg riefen sich Büffelköpfe und Pferdegesichter durcheinander; halb verborgen, halb sichtbar weinten hungrige Geister und arme Schatten. Die Richter mit den Todesbefehlen eilten mit Bittzetteln hin und her, die Taiwei mit den Jagdseelen schrien und trieben die Akten vor sich her. Boten rannten wie Wirbelstürme, die Leute der Seelenbefehle schwammen in schwarzem Nebel.

Taizong verließ sich ganz auf den Schutz des Richters und kam so über den Yin-Berg hinweg.

Weiter ging es durch viele Amtsstuben, und überall dröhnten Klagen in den Ohren, wilde Fratzen jagten Schrecken ins Herz. Taizong fragte: „Was ist das hier?“

Der Richter sagte: „Das ist hinter dem Yin-Berg die Hölle in achtzehn Abteilungen.“

Taizong fragte: „Welche achtzehn sind das?“

Der Richter sagte: „Hört zu:

Die Hölle des Hängenlassens an den Sehnen, die Hölle des dunklen Unrechts, die Hölle der Feuergrube: alles still und leer, alles voller Qual und Kummer, weil die Lebenden zuvor allerlei Schuld auf sich geladen haben und die Toten nun die Strafe tragen. Die Hölle Fengdu, die Hölle des Herausreißens der Zunge, die Hölle des Abziehens der Haut: Weinen und Jammern, bitter und elend, weil Untreue und Undank gegen Himmel und Pflicht verstoßen, und mit buddhistischem Mund Schlangengift im Herzen wohnen. Die Hölle des Zermalmens, die Hölle des Stampfens im Mörser, die Hölle des Zerdrückens unter dem Wagen: aufgeschlitzte Haut und zerrissenes Fleisch, zusammengebissene Zähne und verzerrte Fratzen, weil man heimlich das Herz verriet und anderen unrecht tat. Die Hölle des Eises, die Hölle des Häutens, die Hölle des Herausziehens der Eingeweide: schmutzige Gesichter und zerzauste Köpfe, Sorgenfalten und schmerzverzerrte Augen, alles wegen Betrugs beim Maß und beim Gewicht, wodurch der eigene Fluch heraufbeschworen wurde. Die Hölle des Ölkessels, die Hölle der Dunkelheit, die Hölle des Schwerthügels: bebend und klagend, voller Furcht, weil Gewalttäter die Guten bedrängten und nun selbst mit eingezogenem Kopf leiden. Die Hölle des Blutteichs, die Hölle Avici, die Hölle der Waage: Hautlos, knochenbloß, gebrochene Arme und zerfetzte Sehnen, alles nur, weil man durch Raub und Mord, Schlachten und Töten Jahrtausende lang nicht entrinnen kann, in ewiger Finsternis gefangen.

Alle sind fest gebunden, mit Stricken verflochten und in Fesseln gelegt. Es gibt rote Haarteufel und schwarze Gesichter mit langen und kurzen Speeren, Büffelköpfe und Pferdegesichter mit Eisenstäben und Kupferhämmern; sie prügeln die Gequälten, bis Stirn und Gesicht blutig sind, während diese Himmel und Erde anrufen und keine Hilfe finden. Genau so ist es: ‚Der Mensch soll sein Herz nicht betrügen; Geister und Götter sehen alles. Gut und böse erhalten am Ende ihren Lohn, nur früher oder später.‘“

Taizong hörte das und erschauerte tief im Herzen.

Sie gingen noch ein Stück weiter und sahen eine Schar Geistersoldaten mit Fahnen und Baldachinen am Weg knien und rufen: „Der Brückenführer kommt, um Euch abzuholen.“

Der Richter befahl ihnen aufzustehen. Dann führte er Taizong über die goldene Brücke. Auf der anderen Seite sah Taizong eine silberne Brücke, auf der mehrere Menschen von Treue, Kindespflicht, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit gingen; dort standen ebenfalls Fahnen und Geleit. Weiter drüben gab es noch eine Brücke, über die kalter Wind und Blutwogen donnerten, und die Schreie und Klagen hörten nicht auf.

Taizong fragte: „Wie heißt diese Brücke?“

Der Richter antwortete: „Eure Majestät, das ist die Brücke des Nai-Flusses. Wenn Ihr wieder in die Welt der Lebenden zurückkehrt, müsst Ihr sie unbedingt weitererzählen. Unter der Brücke ist nur:

Ein Strom von ungestümem Wasser, ein gefährlicher schmaler Weg. Er ist wie ein langer Streifen weißen Tuchs über den Gelben Fluss gelegt, und doch wirkt er wie eine Feuergrube, die in die obere Welt steigt. Die kalte Luft dringt bis auf die Knochen, der fischige Wind fährt in die Nase und schneidet ins Herz. Wellen schlagen und rollen, doch es gibt kein Schiff, das jemanden hinüberbringt. Barfuß und mit zerzaustem Kopf gehen nur die Geister, die ihre Strafen abbüßen. Die Brücke ist mehrere Li lang, nur drei Zhang breit, über hundert Fuß hoch und tausendfach tief. Oben gibt es kein Geländer, unten lauern die bösen Wesen, die einen packen. Wer in Fesseln lebt, wird auf diesem gefährlichen Weg des Nai-Flusses geschlagen.“

Taizong fragte: „Wer geht denn dort drüben?“

Der Richter sagte: „Das sind rechtschaffene Seelen, die auf die Brücke der Silbergunst gehen.“

Taizong nickte nur und ging weiter. Vor ihnen lag die Stadt der ungerechten Toten, und dort standen mehr als zehntausend Geister, die die dreißig Tang-Befehle brachen, die Geister von Sechzig-Reich-Rebellen und Zweiundsiebzig-Aufrührern, alle verdorrte Soldaten und Sterbeschatten. Sie versperrten Taizongs Weg. Zum Glück trat nun Richter Cui als Bürge auf, lieh sich mit staatlicher Erlaubnis einen ganzen Schatz Gold und Silber von einem ehrwürdigen Mann aus Henan und kaufte damit die Geister frei, damit der Weg wieder offen wurde. Danach rief der Richter Taizong zu, er solle, wenn er wieder in die Welt der Lebenden zurückkehre, unbedingt eine Wasser- und Landversammlung abhalten, um diese herrenlosen Schatten zu erlösen, und er dürfe seine Worte nicht vergessen. „Wenn in der Unterwelt keine Klagen mehr zu hören sind, dann kann auch die Welt der Lebenden endlich Frieden genießen. Alles, was unrecht ist, sollt Ihr nach und nach verbessern. Ruft die Menschen überall zum Guten auf, dann werden Euren Nachkommen lange Jahre und Eurem Reich dauerhafte Festigkeit beschieden sein.“

Taizong versprach alles und verabschiedete sich von Cui Jue. Dann ging er mit Zhu Taiwei durch das Tor. Drinnen stand ein Ross aus Meer-Dunkelheit mit vollständigem Sattelzeug. Der Taiwei bat Taizong eilig, aufzusteigen, und stützte ihn rechts und links. Das Pferd lief pfeilschnell und brachte sie bald an das Ufer des Wei-Flusses.

Auf der Wasserfläche sah Taizong zwei goldene Karpfen im Fluss springen und spielen. Beim Anblick freute er sich und hielt das Pferd an, um weiterzuschauen. Der Taiwei sagte: „Eure Majestät, beeilt Euch, wir müssen rasch in die Stadt.“

Taizong schaute nur weiter und wollte nicht vorwärtsgehen. Da packte ihn der Taiwei an den Füßen und rief laut: „Geht Ihr denn noch immer nicht?“ Mit einem Platschen stieß er ihn vom Pferd in den Wei-Fluss. So verließ Taizong die Unterwelt und kehrte direkt in die Welt der Lebenden zurück.

In der Tang-Dynastie hatten sich Xu Maogong, Qin Shubao, Hu Jingde, Duan Zhixuan, Ma Sanbao, Cheng Yaojin, Gao Shilian, Li Jiji, Fang Xuanling, Du Ruhui, Xiao Yu, Fu Yi, Zhang Daoyuan, Zhang Shiheng, Wang Gui und die übrigen Beamten beider Lager versammelt, um den Kronprinzen, die Kaiserin, die Gemahlinnen, Hofdamen und Dienerinnen auf der weißen Tigerhalle zu beklagen. Man beriet, wie man den Trauererlass ausrufen und das ganze Reich informieren könne, um den Thron dem Kronprinzen zu übergeben. Da trat Wei Zheng vor und sagte: „Meine Herren, haltet ein, das geht nicht, wirklich nicht. Wenn man die Provinzen und Bezirke erschreckt, könnte Unvorhergesehenes geschehen. Warten wir noch einen Tag; unser Herr wird gewiss zurückkehren.“

Darauf trat Xi Jingzong vor und sagte: „Die Worte des Kanzlers Wei sind völlig verfehlt. Seit alters heißt es: Verschüttetes Wasser lässt sich nicht wieder aufschöpfen, und wer gestorben ist, kehrt nicht zurück. Wie könnt Ihr da solche leeren Worte reden und die Leute verwirren?“

Wei Zheng sagte: „Herr Xu, ich will Euch nicht verheimlichen: Ich habe seit meiner Kindheit die Kunst der Himmelsrechnung gelernt und kann sehr genau vorhersagen, dass der Kaiser nicht sterben wird.“

Gerade in diesem Augenblick hörte man aus dem Sarg lautes Rufen: „Ich werde ertränkt! Ich werde ertränkt!“

Da gerieten Beamte und Generäle in Panik, und Kaiserin und Hofdamen zitterten vor Schrecken. Ihre Gesichter wurden gelb wie herbstliche Maulbeerblätter, ihre Leiber schwankten wie zarte Weiden vor dem Frühling. Der Kronprinz konnte das Trauerhaupt kaum tragen; die Dienerinnen verloren fast den Verstand und standen wie betäubt. Der ganze Tigerpalast wirkte, als sei er aufgebrochen, und die Trauerhalle glich einem eingestürzten Tempel.

Kein Hofdiener wagte sich mehr an den Sarg. Zum Glück traten der aufrichtige Xu Maogong, der entschlossene Wei-Kanzler, der mutige Qin Qiong und der draufgängerische Jingde vor und stützten den Sarg. Sie riefen: „Eure Majestät, was lässt Euch so schwer los? Sagt es uns, treibt bitte keine Gespensterspiele und erschreckt Eure Familie nicht.“

Wei Zheng erklärte: „Ich spiele keine Gespensterspiele, Eure Majestät kehrt ins Leben zurück. Holt schnell das Werkzeug her.“

Als man den Sargdeckel öffnete, saß Taizong tatsächlich darin und rief noch immer: „Ich bin ertrunken! Wer hat mich gerettet?“ Xu Maogong und die anderen halfen ihm auf und sagten: „Eure Majestät ist erwacht, fürchtet Euch nicht. Wir stehen alle hier und bewachen Euch.“

Erst dann schlug Taizong die Augen auf und sagte: „Gerade eben litt ich schrecklich: Ich entkam den bösen Geistern der Unterwelt und geriet doch wieder in den Tod durch das Wasser.“

Die Minister sagten: „Eure Majestät, habt keine Angst. Welches Wasserunglück denn?“ Taizong sagte: „Ich ritt auf einem Pferd und kam bis an den Wei-Fluss. Dort sah ich zwei Fische mit doppelten Köpfen spielen. Da stieß mich der Taiwei Zhu hinterhältig vom Pferd und in den Fluss. Ich wäre fast ertrunken.“

Wei Zheng sagte: „Die Geisterkrankheit Eurer Majestät ist noch nicht ganz gelöst.“

Eilig ließ man in der Hofapotheke einen beruhigenden Trank und Seelenstärkende Medizin bereiten und außerdem Brei reichen. Erst nach ein oder zwei Einnahmen kehrte er zu sich selbst zurück und erkannte wieder die Welt. Vom Augenblick seines Todes bis zu seiner Rückkehr in die Welt der Lebenden waren drei Tage und Nächte vergangen.

Ein Gedicht sagt:

Reich und Reiche wechseln, seit ewigen Zeiten wandeln sich Welten, Dynastien gehen unter und erstehen, so war es immer. In Zhou, Qin, Han und Jin geschahen viele Wunder, doch wer hat je wie der Tang-Kaiser den Tod erlebt und wieder das Leben?

Als es Abend geworden war, baten ihn die Minister, sich zu ruhen, und zerstreuten sich. Am nächsten Morgen legte man die Trauerkleider ab und zog bunte Amtsgewänder an: rote Roben, schwarze Hüte, purpurne Gürtel und goldene Siegel, und jeder wartete vor dem Palasttor auf den Befehl.

Taizong hatte derweil die beruhigenden und seelenstärkenden Arzneien eingenommen, mehrfach Brei und Suppe bekommen und war von den Ministern in sein Schlafgemach gebracht worden. Dort schlief er ruhig und erholte sich, bis er am Morgen aufstand. Er schüttelte seine Würde und seinen Glanz ab, und siehe, wie prächtig er nun aussah:

Er trug eine himmelstrebende Krone und ein kaiserliches Gewand in Rotgelb. Um die Hüften lag ein Gürtel aus blauem Lantian-Jade, an den Füßen trug er sorglose Gründer-Schuhe. Sein Antlitz war würdevoll und schöner als das des amtierenden Hofes, seine Ausstrahlung kraftvoll und wie neu geboren. Ein König der Tang-Dynastie in friedlicher Ordnung, ein Herrscher, der von den Toten ins Leben zurückgekehrt war.

Taizong bestieg die goldene Halle, versammelte Beamte und Generäle, und nachdem das dreifache Hochrufen verklungen war, ordnete man die Ränge. Da ertönte der Befehl: „Wer etwas vorzutragen hat, trete vor; wer nichts hat, ziehe sich zurück.“

Aus dem östlichen Saal traten Xu Maogong, Wei Zheng, Wang Gui, Du Ruhui, Fang Xuanling, Yuan Tiangang, Li Chunfeng, Xi Jingzong und andere hervor; aus dem westlichen Saal traten Yin Kaishan, Liu Hongji, Ma Sanbao, Duan Zhixuan, Cheng Yaojin, Qin Shubao, Hu Jingde, Xue Rengui und andere hervor. Sie alle traten vor und verneigten sich auf den weißen Marmorstufen: „Eure Majestät, warum habt Ihr nach Eurem Traum so lange gebraucht, um wieder zu erwachen?“

Taizong antwortete: „Am vergangenen Tag erhielt ich einen Brief von Wei Zheng; in jenem Augenblick verließ meine Seele die Halle und ich sah nur, wie die Leibgarde mich zur Jagd rief. Gerade als ich unterwegs war, verschwanden Mensch und Pferd, und dann gerieten Vater und Brüder wieder in Streit. Gerade als ich nicht weiterwusste, erschien ein Mann in schwarzer Mütze und dunklem Gewand, der Richter Cui Jue, und trieb meine Brüder zurück. Ich reichte ihm Wei Zhens Brief.

Als ich ihn gerade las, erschienen wieder die blau gekleideten Boten mit Fahnen und führten mich hinein. In der Halle von Senluo saß ich mit den zehn Königen der Unterwelt zusammen. Sie sagten, der Drache des Jing-Flusses habe mich fälschlich der Rettung und dann der Tötung bezichtigt. Ich erklärte alles von Anfang an. Sie sagten, die Sache sei bereits vor den drei Richtern geklärt, und ließen sofort das Buch von Leben und Tod holen, um meine Lebensspanne zu prüfen.

Richter Cui brachte das Register herbei, und die Yama-Könige sahen nach und sagten, mir stünden dreiunddreißig Jahre himmlischer Gunst zu; erst dreizehn Jahre seien vergangen, also blieben mir noch zwanzig Jahre Leben. Dann schickten sie Zhu Taiwei und Richter Cui zurück. Ich verabschiedete mich von den zehn Königen und versprach ihnen als Dank Melonen und Früchte.

Nachdem ich aus der Senluo-Halle hinausgegangen war, sah ich all jene, die untreu, undankbar, unhöflich, ungerecht, die fünf Getreide schändeten, offen täuschten oder heimlich betrogen, die mit schweren Maßgefäßen und leichten Waagen handelten, die raubten und logen, die unanständig und verlogen waren, wie sie die Mühlen-, Röst-, Brenn- und Schneidequalen erleiden mussten, in siedenden und hängenden Strafen. Unzählige waren es, und man konnte sie gar nicht alle ansehen.

Dann kam ich durch die Stadt der ungerechten Toten, wo zahllose klagende Seelen standen. Sie alle waren die Geister der Räuber aus den vierundsechzig Rauch- und Staubbezirken und der Verräter aus den zweiundsiebzig Unruheorten; sie blockierten meinen Rückweg. Zum Glück bürgte Richter Cui für mich und lieh aus dem Schatz des ehrwürdigen Herren aus Henan eine ganze Kiste Gold und Silber, um die Geister zu lösen; so konnte ich weitergehen.

Richter Cui erinnerte mich eindringlich, ich solle in der Welt der Lebenden unbedingt eine Wasser- und Landversammlung abhalten, um die namenlosen einsamen Seelen zu erlösen.

Als ich die Sechs Pfade der Wiedergeburt verließ, bat mich Zhu Taiwei aufs Pferd; schnell wie ein Pfeil gelangten wir an den Wei-Fluss. Dort sah ich wieder zwei Fische mit doppelten Köpfen im Wasser spielen. Gerade als ich mich freute, stieß mich Zhu Taiwei mit dem Fuß hinab ins Wasser; erst da kam ich wieder ins Leben zurück.“

Als die Minister das hörten, spendeten sie alle Glückwünsche.

So wurde die Geschichte weitergetragen und im ganzen Reich verkündet; die Beamten aller Präfekturen und Bezirke reichten Glückwunschschreiben ein, doch das gehört nicht hierher.

Taizong erließ nun auch Gnade für alle Gefangenen. Er ließ die schweren Straftäter in den Gefängnissen prüfen; die Beamten des Strafwesens meldeten über vierhundert zum Tode Verurteilte.

Taizong begnadigte sie und schickte sie nach Hause. Er befahl ihnen, sich vor Eltern und Geschwistern zu verabschieden, Nachkommen und Verwandten anzuvertrauen und im nächsten Jahr am selben Tag wieder vor dem Gericht zu erscheinen und die gebührende Strafe anzutreten. Die Häftlinge dankten und zogen ab. Danach ließ er auch einen Erlass zur Unterstützung von Waisen ausgeben.

Im Palast prüfte man außerdem die drei tausend jungen und alten Hofdamen und ließ sie als Soldaten- und Militärdienst ausgeben. Von da an war innen wie außen alles in Ordnung. Ein Gedicht sagt:

Der große Tang-Kaiser war voller Gnade und Tugend, seine Ordnung übertraf die von Yao und Shun, und das Volk lebte im Überfluss. Vierhundert zum Tode Verurteilte wurden aus dem Gefängnis entlassen, dreitausend verlassene Frauen aus dem Palast freigelassen. Im ganzen Reich rühmten die Beamten sein langes Leben, im Hof gratulierten die hohen Minister dem neuen Drachen. Mit nur einem guten Gedanken segnet der Himmel; der Segen soll auf siebzehn Generationen übergehen.

Nachdem Taizong die Hofdamen entlassen und die Häftlinge begnadigt hatte, ließ er erneut einen kaiserlichen Erlass verfassen und im ganzen Reich verbreiten. Er lautete:

Himmel und Erde sind weit, Sonne und Mond leuchten klar und unterscheiden deutlich; das Universum ist groß, und Himmel und Erde dulden keine Schurken. Wer mit Absicht und List handelt, dessen Vergeltung kommt schon in diesem Leben; wer das Gute gering achtet und dennoch darum bittet, dessen Glück kommt nicht erst in späteren Leben. Tausend raffinierte Pläne sind nicht so gut wie ein anständiger Mensch; zehntausend gewaltsame Banden sind nicht so gut wie Anpassung und Sparsamkeit. Wer mit Herz und Hand barmherzig und gut ist, braucht sich nicht mühsam durch heilige Schriften zu quälen; wer anderen schaden will, liest vergeblich den ganzen Schatz des Tathagata!

Von da an gab es im ganzen Reich niemanden mehr, der nicht das Gute tat. Einerseits erließ man einen Aufruf an die Tüchtigen, um jemanden zu finden, der mit Früchten zur Unterwelt hinabging; andererseits ließ man mit Hilfe des Schatzes der kaiserlichen Silberkammer den General Yuchi Gong und Hu Jingde nach Henan in die Präfektur Kaifeng gehen, um den ehrwürdigen Xiang um seine Schulden zu bitten.

Nach mehreren Tagen wurde ein ehrenhafter Mann gefunden, der den Auftrag annahm und Früchte in die Unterwelt bringen wollte. Er stammte aus Junzhou, hieß Liu Quan und verfügte über ein Vermögen von zehntausend Guanketten. Nur weil seine Frau Li Cui-lian vor der Haustür eine Haarnadel zog, um Mönche zu speisen, schimpfte Liu Quan sie, sie halte sich nicht an die weibliche Pflicht und sei eigenmächtig vor die Tür getreten. Frau Li konnte den Zorn nicht ertragen und erhängte sich.

Zurück blieben ein Sohn und eine Tochter, noch klein, die Tag und Nacht schrien und weinten. Liu Quan konnte das nicht ertragen. Also gab er sein Leben preis, verließ Haus und Familie, ließ die Kinder zurück und war bereit, mit dem Tod Früchte darzubringen. Er nahm den kaiserlichen Aufruf ab und kam vor Taizong. Der Kaiser befahl ihm, ins Goldpavillon-Haus zu gehen, zwei Kürbisse auf den Kopf zu setzen, gelbe Geldstücke in den Ärmeln zu tragen und Arznei im Mund zu behalten.

Liu Quan starb daraufhin an der Vergiftung, und sein Geist trug die Früchte auf dem Kopf direkt zum Tor der Geister. Der Geisterwächter am Tor rief: „Wer bist du? Wie wagst du es, hierher zu kommen?“ Liu Quan sagte: „Ich handle auf kaiserlichen Befehl von Tang-Taizong und bringe Früchte für die zehn Könige der Unterwelt dar.“ Der Geisterwächter führte ihn freudig hinein.

Liu Quan ging geradewegs in die Halle von Senluo, überreichte den Kürbis und die Früchte und sprach: „Im Auftrag des Tang-Kaisers bringe ich aus der Ferne Früchte dar und danke Euch für die weitherzige Gnade der zehn Könige.“

Die zehn Könige waren hoch erfreut und sagten: „Was für ein glaubwürdiger und tugendhafter Kaiser von Tang!“ Dann nahmen sie die Früchte an. Sie fragten nach dem Namen des Boten und seiner Herkunft.

Liu Quan antwortete: „Euer niedriger Diener gehört zum Stadtvolk von Junzhou. Familienname Liu, Vorname Quan. Meine Frau Li erhängte sich, und die Kinder blieben zurück; niemand konnte sich um sie kümmern. Ich war bereit, Haus und Kinder aufzugeben und mein Leben für das Reich zu spenden, und brachte nun Früchte als kaiserliche Gabe, um Euch, den hohen Königen, für Eure Güte zu danken.“

Die zehn Könige ließen daraufhin sofort nach Liu Quans Frau Li überprüfen. Der Geisterwächter holte sie schnell herbei, und in der Senluo-Halle trafen sich Mann und Frau wieder. Nachdem sie ihre früheren Worte beklagt hatten, dankten sie erneut den zehn Königen für ihre Nachsicht.

Die Yama-Könige schlugen nun im Lebensregister nach und sahen, dass beide eigentlich die Lebensspanne der Unsterblichkeit besaßen; daher schickten sie sie eilig zurück. Der Geisterwächter berichtete: „Li Cui-lian ist schon lange in die Unterwelt eingegangen, und ihr Körper ist nicht mehr vorhanden. An wessen Leib soll sich ihre Seele heften?“

Der Yama-König sagte: „Die kaiserliche Schwester Li Yuying des Tang-Hofs ist gerade jetzt dem frühen Tod nahe. Ihr könnt ihren Leichnam ausleihen und sie wieder ins Leben schicken.“

Der Geisterwächter nahm den Befehl entgegen und brachte das Ehepaar Liu Quan wieder ins Leben zurück; gemeinsam verließen sie die Unterwelt.

Wie die beiden schließlich wieder zum Leben kamen, das erfahrt Ihr in der nächsten Episode.