Hundertäugiger Dämonenfürst
Der Hundertäugige Dämonenfürst ist einer der seltsamsten Dämonen in *Die Reise nach Westen*. Er ist ein über tausend Jahre kultivierter Tausendfüßlergeist, der sich im Huanghua-Tempel als Daoist tarnt und mit den sieben Spinnendämoninnen aus dem Spinnennest als „Ältester Bruder“ auftritt. Unter seinen beiden Flanken sitzen eintausend Augen, die gleichzeitig Zehntausende goldener Strahlen ausstoßen können. Selbst Sun Wukong kann dann nicht mehr die Augen öffnen und nicht an ihn herankommen. Er ist einer der ganz wenigen Gegner, die Wukongs Fähigkeiten wirklich an einen Totpunkt bringen. Noch tückischer: Er greift nicht nur mit Licht an, sondern vergiftet Tang Sanzang und seine Schüler mit Tee. Am Ende erscheint Pilanpo Bodhisattva persönlich und durchbohrt mit einer Sticknadel - der aus dem Auge von Frau des Plejaden-Sternenbeamten geschmiedet ist - die tausend Augen. Sie nimmt ihn mit zurück, um das Tor zu bewachen. Pilanpo ist zugleich die geheimnisvollste Helferin des ganzen Buchs: nur einmal erschienen, von großem Rang, und danach nie wieder erwähnt.'
Goldenes Licht schießt aus beiden Flanken - nicht eine, nicht zwei Strahlen, sondern eintausend. In Kapitel 73 erreicht Sun Wukong den Huanghua-Tempel und tritt gegen diesen als Daoist getarnten Dämon an. Der Hundertäugige Dämonenfürst zieht die Oberkleidung aus, entblößt seine beiden Flanken, und tausend Augen öffnen sich gleichzeitig. Das Licht legt sich wie eine Mauer über das Schlachtfeld. Wukong - derselbe Wukong, der einst im Ofen von Taishang Laojun die Feueraugen erhielt - wird von dieser Helligkeit so geblendet, dass er die Augen nicht mehr öffnen kann. Er kann nicht näher heran. Das ist kein gewöhnlicher Kampf. Es ist im Grunde bloß: „Zu hell.“ Der Dämon besiegt Wukong nicht, indem er stärker schlägt, sondern indem er ihn blendet.
Der Daoist im Huanghua-Tempel: das lange Versteck eines Tausendfüßlergeistes
Der Huanghua-Tempel wirkt nach außen ruhig und gepflegt, ein stiller daoistischer Ort an einem unscheinbaren Bergabschnitt. Als Tripitaka und seine Schüler dort ankommen, begegnen sie einem hageren, höflich auftretenden Daoisten - der menschlichen Verkleidung des Hundertäugigen Dämonenfürsten. Er lebt nicht wie die meisten Dämonen in einer Höhle mit Scharen von Untergebenen, sondern als Tempelbewohner, mit Räucherwerk, Meditation und Gästen.
Diese Tarnung ist im Dämonenbestand des Romans außergewöhnlich. Die meisten Dämonen zeigen sich offen als Berg- und Höhlenherrscher. Einige verwandeln sich nur kurz, um Tripitaka zu täuschen. Der Hundertäugige Dämonenfürst aber betreibt seine Tarnung langfristig: Der Huanghua-Tempel ist kein improvisiertes Bühnenbild, sondern sein echter Stützpunkt. Hätte Tripitaka nicht zufällig vorbeigekommen, niemand würde ahnen, dass dort ein Tausendfüßlergeist wohnt.
Die Gestalt des Tausendfüßlers gibt dieser Tarnung noch mehr Gewicht. In der chinesischen Tradition gehört der Tausendfüßler zu den „fünf Giftwesen“. Er ist dunkel, vielbeinig und von Natur aus unheimlich. Wenn ein solches Wesen sich in einen gepflegten Daoisten verwandelt, wirkt das wie Gift in einer Porzellantasse: Je sauberer das Äußere, desto stärker der Schock beim Blick nach innen.
Das Gifttee-Bankett: Attentat ohne Waffen
Der erste Angriff des Hundertäugigen Dämonenfürsten ist kein direkter Kampf, sondern eine Einladung zum Tee.
Nachdem die sieben Spinnendämoninnen im Spinnennest von Wukong auseinandergescheucht wurden, fliehen sie zum Huanghua-Tempel und beschweren sich bei ihrem Ältesten Bruder. Der Dämon entscheidet sich, für sie einzustehen - aber nicht, indem er direkt mit Wukong aufeinander losgeht. Stattdessen lässt er Tee zubereiten, mischt Gift hinein und serviert ihn dann in vornehmer Tempelgastlichkeit Tripitaka und seinen Begleitern.
Tripitaka, Bajie und Wujing trinken ohne Verdacht. Das Gift wirkt schnell, und die drei brechen sofort zusammen. Nur Wukong, der misstrauisch bleibt - oder das Gift mit seiner Kultivierung überlebt -, bleibt verschont.
Diese Art des Angriffs ist im Roman selten. Dämonen greifen normalerweise mit Verwandlung, Entführung und Kochen an. Ein Gifttee als eigentliche Mordmethode ist ungewöhnlich kühl. Er passt perfekt zur Natur des Tausendfüßlers: ein Tier, das über Gift jagt, setzt in der Dämonenwelt eben auf ein Giftgetränk.
Auf der Ebene der Erzählung zerstört das Tee-Bankett mehr als nur Körper. Es zerbricht auch die einfache Ordnung von „wir sind die Guten, dort sind die Bösen“. Hier sitzt der Feind am Tisch, nennt sich Gastgeber und vergiftet die Gäste unter höflichen Gesten. Das macht die Episode so kalt.
Das goldene Tausendaugenlicht: die unmöglichste Attacke des ganzen Buchs
Der Gifttee legt Tripitaka und seine zwei Schüler lahm, aber nicht Wukong. Der eigentliche Trumpf des Dämonenfürsten kommt erst später.
Als Wukong den Dämon im direkten Kampf stellt, liefern sich die beiden zunächst ein paar Runden mit Waffen. Körperlich ist der Dämon Wukong klar unterlegen. Doch er braucht diesen Bereich gar nicht zu gewinnen. Er zieht einfach das Hemd aus - und tausend Augen öffnen sich.
Mit seinen tausend Augen stößt er gleichzeitig goldene Strahlen aus. Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern die eigentliche Gestalt des Tausendfüßlergeists. Seine Körperflanken sind zu tausend Augen geworden, und jedes davon kann Licht aussenden. Die Menge des Lichts ist so groß, dass das ganze Feld in eine blendende Wand verwandelt wird.
Gerade Wukong, der Mann mit den Feueraugen, gerät hier an seine Grenze. Seine Feueraugen helfen ihm, Täuschungen zu erkennen. Aber gegen direktes, aggressives Licht sind sie sogar verwundbar. Das Licht trifft ihn dort, wo seine Fähigkeit am empfindlichsten ist: Der Blick selbst wird zur Last.
Der Dämon „besiegt“ Wukong also nicht mit Kraft, Gift oder Magie, sondern mit Helligkeit. Er ist zu hell. Das ist alles. Aber genau dieses „zu hell“ ist im Roman ein Albtraum für den Pilgerhelden.
Die meisten Dämonen, die Wukong in Schwierigkeiten bringen, sind größer, stärker oder mit besseren Schätzen ausgestattet. Hier ist es anders: Die Attacke funktioniert auf einer Ebene, die Wukongs ganzes Kampfsystem schlicht nicht eingeplant hat. Es ist ein Unterschied zwischen „stärker“ und „aus einer anderen Richtung“. Gegen Licht kann man kein Schwert ziehen.
Darum gilt der Hundertäugige Dämonenfürst als „Extrem schwer“. Im reinen Nahkampf ist er vielleicht nicht einmal so stark wie andere Dämonen; doch die tausend Augen legen genau den Punkt lahm, an dem Wukongs Wahrnehmung und Bewegung zusammenhängen.
Der Älteste Bruder der Spinnendämoninnen: die heimliche Verbindung zwischen Spinnennest und Tempel
Der Hundertäugige Dämonenfürst ist nicht allein. Er ist der Älteste Bruder der sieben Spinnendämoninnen aus dem Spinnennest. Das verbindet Kapitel 72 und 73 zu einem einzigen Bogen.
In Kapitel 72 geraten die sieben Spinnendämoninnen in den Konflikt um das Spinnennest. Sie werden von Wukong auseinandergejagt und fliehen anschließend zum Huanghua-Tempel, wo sie sich bei ihrem Bruder beschweren. Erst dadurch gerät der Hundertäugige Dämonenfürst in die Hauptgeschichte.
Diese „Schwester-Bruder“-Beziehung ist im Roman nicht häufig. Sie zeigt, dass Dämonen nicht einfach zufällig auftauchen. Sie besitzen Bindungen, haben Nachbarn, Verwandte und Verbündete. Die sieben Spinnendämoninnen sind also nicht die ganze Geschichte - hinter ihnen steht ein noch stärkerer Verwandter.
Zugleich erklärt das seine Motivation. Er will Tripitaka nicht essen, um einfach nur zu essen. Er handelt aus Loyalität gegenüber seinen Schwestern. Das macht ihn moralisch nicht gut, aber komplexer. Wu Cheng'en zeichnet ihn nicht als leeren Monsterkörper, sondern als Dämon mit Familiensinn.
Der räumliche Zusammenhang ist ebenfalls schön gebaut: Das Spinnennest und der Huanghua-Tempel liegen nah genug beieinander, dass die Spinnendämoninnen nach ihrer Flucht direkt bei ihrem Bruder auftauchen können. So entsteht ein kleiner Dämonenverband - eine Art lokale Gemeinschaft, die weit enger ist, als Tripitaka von außen sehen kann.
Pilanpo Bodhisattva: der geheimnisvollste Helfer des ganzen Buchs
Nachdem Wukong durch das Tausendaugenlicht zurückgedrängt wurde, sucht er überall nach einer Gegenmaßnahme. Weder Himmel noch Berggötter können ihm eine vernünftige Antwort geben. Schließlich weist man ihn auf einen Ort hin, den nur wenige überhaupt kennen: den Purpurwolken-Berg und die Tausendblumen-Höhle, wo Pilanpo Bodhisattva lebt.
Pilanpo ist eine der geheimnisvollsten Figuren des ganzen Romans. Sie erscheint nur in Kapitel 73 - einmal, und dann nie wieder. Vorher ist sie nicht vorbereitet, danach nicht mehr erwähnt. Sie gehört weder zum normalen buddhistischen noch zum daoistischen Verwaltungsapparat, sondern steht als eigenständige, fast schon frei schwebende Gestalt da. Sie ist die Mutter des Plejaden-Sternenbeamten.
Der Plejaden-Sternenbeamte ist ein Himmelsstern mit Amt und Rang. Seine Mutter Pilanpo aber lebt nicht im Himmel, sondern still auf dem Berg. Warum? Der Roman sagt es nicht. Was er sagt, reicht aber, um ihre Stellung zu erkennen: Sie ist eine Bodhisattva. Das heißt, ihr Rang ist hoch, höher als bei den meisten himmlischen Beamten. Dennoch zieht sie sich in die Einsamkeit zurück.
Gerade diese Abgeschiedenheit macht sie zu einer Helferin außerhalb der festen Kreise. Guanyin ist mächtig, aber sie ist tief in die Pilgerreise eingebunden. Taishang Laojun ist mächtig, aber er ist Teil der himmlischen Ordnung. Pilanpo dagegen ist eine Art randständige Hochrangige - jemand, der nicht im Zentrum, aber doch im Rang steht.
Wukong braucht genau so eine Figur: keine reguläre Hilfe, sondern eine überraschende Außenseiterin, die den Knoten lösen kann. Pilanpo ist daher nicht zufällig da, sondern eine sehr präzise gesetzte Ausnahme.
Die Sticknadel durchbricht die tausend Augen: die Mutter des Plejaden-Sternenbeamten
Pilanpos Waffe ist eine Sticknadel. Das klingt fast wie ein Witz. Der Gegner schießt tausend Strahlen aus tausend Augen, und die Antwort soll eine Nadel sein?
Die Nadel ist jedoch etwas Besonderes: Sie ist aus dem Auge der Mutter des Plejaden-Sternenbeamten geschmiedet - oder genauer gesagt, sie trägt die Natur des Auges selbst in sich. Damit greifen zwei Ebenen ineinander.
Zuerst die Ebene der natürlichen Gegenkraft. Der Plejaden-Sternenbeamte ist in seiner wahren Gestalt ein Hahn. Der Tausendfüßler gehört in der chinesischen Tradition zu den Dingen, die der Hahn bezwingt. Hähne gelten als natürliche Feinde der „fünf Giftwesen“. Pilanpo ist als Mutter des Hahns der Ursprung dieser Linie - ihre Nadel trägt also die Gegenkraft des Hahngeschlechts gegen den Tausendfüßler.
Dann die Ebene des Auges gegen das Auge. Der Dämon greift mit tausend Augen an; Pilanpos Nadel ist ein aus einem Auge entstandenes Werkzeug. Auge gegen Auge, nur dass hier die eine Seite die andere vollständig dominiert. Wenn die tausend Augen des Dämonenfürsten Licht ausstoßen, dann trägt Pilanpos Nadel die konzentrierte Gegenkraft derselben Struktur in sich.
Der Kampf ist entsprechend kurz. Pilanpo kommt an den Huanghua-Tempel, der Dämon entblößt wie gewohnt seine Flanken und sendet Licht. Pilanpo wirft die Nadel in die Luft - und im selben Augenblick werden die Tausendaugenstrahlen unterdrückt. Das Licht des Dämonenfürsten verpufft, als wäre es nur Kerzenschein gegen Sonne.
Sobald das Licht gebrochen ist, verliert der Dämon jede Gegenwehr. Pilanpo nimmt ihn mit zurück in die Tausendblumen-Höhle und setzt ihn dort als Torwächter ein. Das erinnert an Red Boy, der von Guanyin zu einem Dienerjungen gemacht wird. Der Dämon wird nicht vernichtet, sondern umfunktioniert. Aus dem Besitzer des Huanghua-Tempels wird ein Wächter an einem anderen Tor.
Dieser Schluss ist zugleich streng und beinahe humorvoll. Ein Tausendfüßlergeist wird zum Türhüter - so fügt sich ein Giftwesen am Ende in eine neue Rolle.
Verwandte Figuren
- Sun Wukong - der Hauptgegner, den das Tausendaugenlicht so blendet, dass er nicht mehr nah genug herankommt
- Tang Sanzang - wird im Huanghua-Tempel mit Gifttee betäubt
- Zhu Bajie - ebenfalls vom Gifttee getroffen
- Sha Wujing - ebenfalls vom Gifttee getroffen
- Die sieben Spinnendämoninnen - seine jüngeren Geschwister aus dem Spinnennest
- Pilanpo Bodhisattva - die Bezwingerin, die mit der Sticknadel das Tausendaugenlicht bricht
- Plejaden-Sternenbeamter - Pilanpos Sohn, dessen Augen die Nadel inspiriert haben
Story Appearances
First appears in: Chapter 72 - Im Spinnennest verwirren sieben Leidenschaften den Ursprung; bei der Reinwasserquelle verliert Bajie die Form
Also appears in chapters:
72, 73
Tribulations
- 72
- 73